Page - 1005 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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18. Jahrhundert in Göttingen Physik lehrte – und Witze machte –, einen Studenten namens
Kriegk bei der Inskription nach seinem Alter fragte und auf die Antwort, er sei dreißig Jahre alt,
meinte: Ei, so habe ich ja die Ehre, den 30jährigen Krieg zu sehen[40]. Mit einem Scherz
antwortete Meister Rokitansky auf die Frage, welchen Berufen sich seine vier Söhne zugewendet
hätten: »Zwei heilen und zwei heulen« (zwei Ärzte und zwei Sänger). Die Auskunft war richtig
und darum nicht weiter angreifbar; aber sie fügte nichts hinzu, was nicht in dem in Klammern
stehenden Ausdruck enthalten gewesen wäre. Es ist unverkennbar, daß die Antwort die andere
Form nur wegen der Lust angenommen hat, welche sich aus der Unifizierung und aus dem
Gleichklang der beiden Worte ableitet.
Ich meine, wir sehen nun endlich klar. Es hat uns in der Bewertung der Techniken des Witzes
immer gestört, daß diese nicht dem Witz allein zu eigen sind, und doch schien das Wesen des
Witzes an ihnen zu hängen, da mit ihrer Beseitigung durch die Reduktion Witzcharakter und
Witzeslust verloren waren. Nun merken wir, was wir als die Techniken des Witzes beschrieben
haben – und in gewissem Sinne fortfahren müssen so zu nennen –, das sind vielmehr die Quellen,
aus denen der Witz die Lust bezieht, und wir finden es nicht befremdend, daß andere Verfahren
zum nämlichen Zweck aus den gleichen Quellen schöpfen. Die dem Witze eigentümliche und
ihm allein zukommende Technik besteht aber in seinem Verfahren, die Anwendung dieser
lustbereitenden Mittel gegen den Einspruch der Kritik sicherzustellen, welcher die Lust aufheben
würde. Wir können von diesem Verfahren wenig Allgemeines aussagen; die Witzarbeit äußert
sich, wie schon erwähnt, in der Auswahl eines solchen Wortmaterials und solcher
Denksituationen, welche es gestatten, daß das alte Spiel mit Worten und Gedanken die Prüfung
der Kritik bestehe, und zu diesem Zwecke müssen alle Eigentümlichkeiten des Wortschatzes und
alle Konstellationen des Gedankenzusammenhanges auf das geschickteste ausgenützt werden.
Vielleicht werden wir späterhin noch in die Lage kommen, die Witzarbeit durch eine bestimmte
Eigenschaft zu charakterisieren; vorläufig bleibt es unerklärt, wie die dem Witze ersprießliche
Auswahl getroffen werden kann. Die Tendenz und Leistung des Witzes, die lustbereitenden
Wort- und Gedankenverbindungen vor der Kritik zu schützen, stellt sich aber schon beim Scherz
als sein wesentliches Merkmal heraus. Von Anfang an besteht seine Leistung darin, innere
Hemmungen aufzuheben und durch sie unzugänglich gewordene Lustquellen ergiebig zu
machen, und wir werden finden, daß er diesem Charakter durch seine ganze Entwicklung treu
bleibt.
Wir sind nun auch in der Lage, dem Moment des »Sinnes im Unsinn« (vgl. Einleitung, S. 16),
welchem von den Autoren eine so große Bedeutung zur Kennzeichnung des Witzes und zur
Aufklärung der Lustwirkung beigemessen wird, seine richtige Stellung anzuweisen. Die zwei
festen Punkte in der Bedingtheit des Witzes, seine Tendenz, das lustvolle Spiel durchzusetzen,
und seine Bemühung, es vor der Kritik der Vernunft zu schützen, erklären ohne weiteres, warum
der einzelne Witz, wenn er für die eine Ansicht unsinnig erscheint, für eine andere sinnvoll oder
wenigstens zulässig erscheinen muß. Wie er dies macht, das bleibt die Sache der Witzarbeit; wo
es ihm nicht gelungen ist, wird er eben als »Unsinn« verworfen. Wir haben es aber auch nicht
nötig, die Lustwirkung des Witzes aus dem Widerstreit der Gefühle abzuleiten, die aus dem Sinn
und gleichzeitigen Unsinn des Witzes, sei es direkt, sei es auf dem Wege der »Verblüffung und
Erleuchtung«, hervorgehen. Ebensowenig besteht für uns eine Nötigung, der Frage näherzutreten,
wieso Lust aus der Abwechslung des Für-sinnlos-Haltens und Für-sinnreich-Erkennens des
Witzes hervorgehen könne. Die Psychogenese des Witzes hat uns belehrt, daß die Lust des
Witzes aus dem Spiel mit Worten oder aus der Entfesselung des Unsinns stammt und daß der
Sinn des Witzes nur dazu bestimmt ist, diese Lust gegen die Aufhebung durch die Kritik zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin