Page - 1013 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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V. Akt, 2. Szene):
›A jest’s prosperity lies in the ear
of him that hears it, never in the tongue
of him that makes it ...‹
Wen eine an ernste Gedanken geknüpfte Stimmung beherrscht, der ist ungeeignet, dem Scherz zu
bestätigen, daß es ihm geglückt ist, die Wortlust zu retten. Er muß selbst in heiterer oder
wenigstens in indifferenter Stimmungslage sein, um für den Scherz die dritte Person abzugeben.
Dasselbe Hindernis setzt sich für den harmlosen und für den tendenziösen Witz fort; bei
letzterem tritt aber als neues Hindernis der Gegensatz zur Tendenz auf, welcher der Witz dienen
will. Die Bereitschaft, über einen ausgezeichneten obszönen Witz zu lachen, kann sich nicht
einstellen, wenn die Entblößung eine hochgehaltene Angehörige der dritten Person betrifft; in
einer Versammlung von Pfarrern und Pastoren dürfte niemand wagen, die Heineschen Vergleiche
katholischer und protestantischer Pfaffen mit Kleinhändlern und Angestellten einer
Großhandlung vorzubringen, und vor einem Parterre von ergebenen Freunden meines Gegners
würden die witzigsten Invektiven, die ich gegen ihn vorbringen kann, nicht als Witze, sondern als
Invektiven zur Geltung kommen, Entrüstung und nicht Lust bei den Hörern erzeugen. Ein Grad
von Geneigtheit oder eine gewisse Indifferenz, die Abwesenheit aller Momente, welche starke,
der Tendenz gegnerische Gefühle hervorrufen können, ist unerläßliche Bedingung, wenn die
dritte Person zur Vollendung des Witzvorganges mitwirken soll.
Wo solche Hindernisse für die Wirkung des Witzes entfallen, da tritt das Phänomen auf, dem nun
unsere Untersuchung gilt, daß die Lust, welche der Witz bereitet hat, sich an der dritten Person
deutlicher erweist als an dem Urheber des Witzes. Wir müssen uns begnügen zu sagen:
deutlicher, wo wir geneigt wären zu fragen, ob die Lust des Hörers nicht intensiver ist als die des
Witzbildners, weil uns, wie begreiflich, die Mittel zur Abmessung und Vergleichung fehlen. Wir
sehen aber, daß der Hörer seine Lust durch explosives Lachen bezeugt, nachdem die erste Person
den Witz meist mit ernsthaft gespannter Miene vorgebracht hat. Wenn ich einen Witz
weitererzähle, den ich selbst gehört habe, muß ich, um seine Wirkung nicht zu verderben, mich
bei der Erzählung genauso benehmen wie jener, der ihn gemacht hat. Es ist nun die Frage, ob wir
aus dieser Bedingtheit des Lachens über den Witz Rückschlüsse auf den psychischen Vorgang
bei der Witzbildung ziehen können.
Es kann nun nicht unsere Absicht sein, hier alles in Betracht zu ziehen, was über die Natur des
Lachens behauptet und veröffentlicht worden ist. Von solchem Vorhaben mag uns der Satz
abschrecken, den Dugas, ein Schüler Ribots, an die Spitze seines Buches La Psychologie du rire
(1902, S. 1) gestellt hat. »Il n’est pas de fait plus banal et plus étudié que le rire; il n’en est pas
qui ait eu le don d’exciter davantage la curiosité du vulgaire et celle des philosophes; il n’en est
pas sur lequel on ait recueilli plus d’observations et bâti plus de théories, et avec cela il n’en est
pas qui demeure plus inexpliqué. On serait tenté de dire avec les sceptiques qu’il faut être
content de rire et de ne pas chercher à savoir pourquoi on rit, d’autant que peut-être la réflexion
tue le rire, et qu’il serait alors contradictoire qu’elle en découvrit les causes.« Hingegen werden
wir es uns nicht entgehen lassen, eine Ansicht über den Mechanismus des Lachens für unsere
Zwecke zu verwerten, die sich in unseren eigenen Gedankenkreis vortrefflich einfügt. Ich meine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin