Page - 1014 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1014 -
Text of the Page - 1014 -
den Erklärungsversuch von H. Spencer in seinem Aufsatze ›The Physiology of Laughter‹[44].
Nach Spencer ist das Lachen ein Phänomen der Abfuhr seelischer Erregung und ein Beweis
dafür, daß die psychische Verwendung dieser Erregung plötzlich auf ein Hindernis gestoßen ist.
Die psychologische Situation, die in Lachen ausläuft, schildert er in den folgenden Worten:
»Laughter naturally results only when consciousness is unawares transferred front great things
to small – only when there is what we may call a descending incongruity.«[45]
In ganz ähnlichem Sinne bezeichnen französische Autoren (Dugas) das Lachen als eine
»détente«, eine Erscheinung der Entspannung, und auch die Formel A. Bains: »Laughter a
release from constraint« scheint mir von der Auffassung Spencers weit weniger abzustehen, als
manche Autoren uns glauben machen wollen.
Wir empfinden allerdings das Bedürfnis, den Gedanken Spencers zu modifizieren und die in ihm
enthaltenen Vorstellungen zum Teil bestimmter zu fassen, zum Teil abzuändern. Wir würden
sagen, das Lachen entstehe, wenn ein früher zur Besetzung gewisser psychischer Wege
verwendeter Betrag von psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so daß er freie Abfuhr
erfahren kann. Wir sind uns klar darüber, welchen »übeln Schein« wir bei solcher Aufstellung
auf uns laden, aber wir wagen es, aus der Schrift von Lipps über Komik und Humor, aus welcher
Aufklärung über mehr als nur über Komik und Humor zu holen ist, zu unserer Deckung den
trefflichen Satz zu zitieren: »Schließlich führen psychologische Einzelprobleme immer ziemlich
tief in die Psychologie hinein, so daß im Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich
behandeln läßt« (Lipps, 1898, S. 71). Die Begriffe »psychische Energie«, »Abfuhr« und die
Behandlung der psychischen Energie als einer Quantität sind mir zur Denkgewohnheit geworden,
seitdem ich begonnen habe, mir die Tatsachen der Psychopathologie philosophisch
zurechtzulegen, und bereits in meiner Traumdeutung (1900 a) habe ich gleichsinnig mit Lipps die
an sich unbewußten psychischen Vorgänge, und nicht die Bewußtseinsinhalte als das »eigentlich
psychisch Wirkungsfähige« hinzustellen versucht[46]. Nur wenn ich von der »Besetzung
psychischer Wege« rede, scheine ich mich von den bei Lipps gebräuchlichen Gleichnissen zu
entfernen. Die Erfahrungen über die Verschiebbarkeit der psychischen Energie längs gewisser
Assoziationsbahnen und über die fast unverwüstliche Erhaltung der Spuren psychischer
Vorgänge haben es mir in der Tat nahegelegt, eine solche Verbildlichung für das Unbekannte zu
versuchen. Um dem Mißverständnis auszuweichen, muß ich hinzufügen, daß ich keinen Versuch
mache, Zellen und Fasern oder die heute ihre Stelle einnehmenden Neuronsysteme als diese
psychischen Wege zu proklamieren, wenngleich solche Wege in noch nicht angebbarer Weise
durch organische Elemente des Nervensystems darstellbar sein müßten.
Beim Lachen sind also nach unserer Annahme die Bedingungen dafür gegeben, daß eine bisher
zur Besetzung verwendete Summe psychischer Energie der freien Abfuhr unterliege, und da zwar
nicht jedes Lachen, aber doch gewiß das Lachen über den Witz ein Anzeichen von Lust ist,
werden wir geneigt sein, diese Lust auf die Aufhebung der bisherigen Besetzung zu beziehen.
Wenn wir sehen, daß der Hörer des Witzes lacht, der Schöpfer desselben nicht lachen kann, darf
uns dies soviel besagen als, daß beim Hörer ein Besetzungsaufwand aufgehoben und abgeführt
wird, während sich bei der Witzbildung entweder in der Aufhebung oder in der
Abfuhrmöglichkeit Hemmnisse ergeben. Den psychischen Vorgang beim Hörer, bei der dritten
Person des Witzes, kann man kaum treffender charakterisieren, als wenn man hervorhebt, daß er
die Lust des Witzes mit sehr geringem eigenem Aufwand erkauft. Sie wird ihm sozusagen
geschenkt. Die Worte des Witzes, die er hört, lassen in ihm notwendig jene Vorstellung oder
1014
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin