Page - 1016 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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über den psychischen Vorgang bei der dritten Person festhalten, in die Lage versetzt, uns eine
ganze Reihe von Eigentümlichkeiten, die vom Witze bekannt, aber nicht verstanden worden sind,
befriedigend aufzuklären. Wenn bei der dritten Person ein der Abfuhr fähiger Betrag von
Besetzungsenergie frei gemacht werden soll, so sind mehrere Bedingungen zu erfüllen oder als
Begünstigungen erwünscht. 1) Es muß gesichert sein, daß die dritte Person diesen
Besetzungsaufwand wirklich macht. 2) Es muß verhütet werden, daß derselbe, wenn frei
geworden, eine andere psychische Verwendung finde, anstatt sich zur motorischen Abfuhr zu
bieten. 3) Es kann nur von Vorteil sein, wenn die frei zu machende Besetzung bei der dritten
Person zuvor noch verstärkt, in die Höhe getrieben wird. Allen diesen Absichten dienen gewisse
Mittel der Witzarbeit, die wir etwa als sekundäre oder Hilfstechniken zusammenfassen können.
[1] Die erste dieser Bedingungen legt eine der Eignungen der dritten Person als Hörer des
Witzes fest. Sie muß durchaus so viel psychische Übereinstimmung mit der ersten Person
besitzen, daß sie über die nämlichen inneren Hemmungen verfügt, welche die Witzarbeit bei der
ersten überwunden hat. Wer auf Zoten eingestellt ist, der wird von geistreichen entblößenden
Witzen keine Lust ableiten können; die Aggressionen des Herrn N. werden bei Ungebildeten, die
gewohnt sind, ihrer Schimpflust freien Lauf zu lassen, kein Verständnis finden. Jeder Witz
verlangt so sein eigenes Publikum, und über die gleichen Witze zu lachen ist ein Beweis
weitgehender psychischer Übereinstimmung. Wir sind hier übrigens an einem Punkte angelangt,
der uns gestattet, den Vorgang bei der dritten Person noch genauer zu erraten. Dieselbe muß die
nämliche Hemmung, welche der Witz bei der ersten Person überwunden hat, gewohnheitsmäßig
in sich herstellen können, so daß in ihr, sobald sie den Witz hört, die Bereitschaft zu dieser
Hemmung zwangsartig oder automatisch erwacht. Diese Hemmungsbereitschaft, die ich als einen
wirklichen Aufwand analog einer Mobilmachung im Armeewesen fassen muß, wird gleichzeitig
als überflüssig oder als verspätet erkannt und somit in statu nascendi durch Lachen abgeführt[47].
[2] Die zweite Bedingung für die Herstellung der freien Abfuhr, daß eine andersartige
Verwendung der frei gewordenen Energie hintangehalten werde, erscheint als die weitaus
wichtigere. Sie gibt die theoretische Aufklärung für die Unsicherheit der Witzwirkung, wenn bei
dem Hörer durch den im Witze ausgedrückten Gedanken stark erregende Vorstellungen
wachgerufen werden, wobei es dann von der Übereinstimmung oder dem Widerspruch zwischen
den Tendenzen des Witzes und der den Hörer beherrschenden Gedankenreihe abhängt, ob dem
Witzvorgang die Aufmerksamkeit belassen oder entzogen wird. Von noch größerem
theoretischen Interesse sind aber eine Reihe von Hilfstechniken des Witzes, welche offenbar der
Absicht dienen, die Aufmerksamkeit des Hörers überhaupt vom Witzvorgang abzuziehen, den
letzteren automatisch verlaufen zu lassen. Ich sage absichtlich: automatisch und nicht: unbewußt,
weil letztere Bezeichnung irreführend wäre. Es handelt sich hier nur darum, die Mehrbesetzung
der Aufmerksamkeit von dem psychischen Vorgang beim Anhören des Witzes fernzuhalten, und
die Brauchbarkeit dieser Hilfstechniken läßt uns mit Recht vermuten, daß gerade die
Aufmerksamkeitsbesetzung an der Überwachung und Neuverwendung von frei gewordener
Besetzungsenergie einen großen Anteil hat.
Es scheint überhaupt nicht leicht zu sein, die endopsychische Verwendung entbehrlich
gewordener Besetzungen zu vermeiden, denn wir sind ja bei unseren Denkvorgängen beständig
in der Übung, solche Besetzungen von einem Weg auf den anderen zu verschieben, ohne von
deren Energie etwas durch Abfuhr zu verlieren. Der Witz bedient sich hiezu folgender Mittel.
Erstens strebt er einen möglichst kurzen Ausdruck an, um der Aufmerksamkeit weniger
Angriffspunkte zu bieten. Zweitens hält er die Bedingung der leichten Verständlichkeit ein (vgl.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin