Page - 1018 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1018 -
Text of the Page - 1018 -
Dieselben steigern zwar zumeist auch die dem Witz zugewandte Aufmerksamkeit, machen aber
deren Einfluß wieder unschädlich, indem sie die Aufmerksamkeit gleichzeitig fesseln und in ihrer
Beweglichkeit hemmen. Alles, was Interesse und Verblüffung hervorruft, wirkt nach diesen
beiden Richtungen, also vor allem das Unsinnige, ebenso der Gegensatz, der
»Vorstellungskontrast«, den manche Autoren zum wesentlichen Charakter des Witzes machen
wollten, in dem ich aber nichts anderes als ein Verstärkungsmittel zur Wirkung desselben
erblicken kann. Alles Verblüffende ruft beim Hörer jenen Zustand der Energieverteilung hervor,
den Lipps als »psychische Stauung« bezeichnet hat, und er hat wohl auch recht anzunehmen, daß
die »Entladung« um so stärker ausfällt, je höher die vorherige Stauung war. Die Darstellung von
Lipps bezieht sich zwar nicht ausdrücklich auf den Witz, sondern auf das Komische überhaupt;
aber es kann uns sehr wahrscheinlich vorkommen, daß die Abfuhr beim Witze, welche eine
Hemmungsbesetzung entladet, in gleicher Weise durch die Stauung in die Höhe gebracht wird.
Es leuchtet uns nun ein, daß die Technik des Witzes überhaupt von zweierlei Tendenzen
bestimmt wird, solchen, welche die Bildung des Witzes bei der ersten Person ermöglichen, und
anderen, welche dem Witz eine möglichst große Lustwirkung bei der dritten Person
gewährleisten sollen. Die janusartige Doppelgesichtigkeit des Witzes, welche dessen
ursprünglichen Lustgewinn gegen die Anfechtung der kritischen Vernünftigkeit sicherstellt, und
der Vorlustmechanismus gehören der ersteren Tendenz an; die weitere Komplikation der Technik
durch die in diesem Abschnitt ausgeführten Bedingungen ergibt sich aus der Rücksicht auf die
dritte Person des Witzes. Der Witz ist so ein an sich doppelzüngiger Schelm, der gleichzeitig
zweien Herren dient. Alles, was auf Lustgewinnung abzielt, ist beim Witz auf die dritte Person
berechnet, als ob innere, nicht zu überwindende Hindernisse bei der ersten Person einer solchen
im Wege stünden. Man bekommt so den vollen Eindruck von der Unentbehrlichkeit dieser dritten
Person für die Vollendung des Witzvorganges. Während wir aber ziemlich guten Einblick in die
Natur dieses Vorganges bei der dritten Person gewinnen konnten, verspüren wir, daß der
entsprechende Vorgang bei der ersten Person uns noch durch ein Dunkel verhüllt wird. Von den
beiden Fragen: Warum können wir über den selbstgemachten Witz nicht lachen? und: Warum
sind wir getrieben, den eigenen Witz dem anderen zu erzählen? hat sich die erste bisher unserer
Beantwortung entzogen. Wir können nur vermuten, daß zwischen den beiden aufzuklärenden
Tatsachen ein inniger Zusammenhang besteht, daß wir darum genötigt sind, unseren Witz dem
anderen mitzuteilen, weil wir selbst über ihn nicht zu lachen vermögen. Aus unseren Einsichten
in die Bedingungen der Lustgewinnung und -abfuhr bei der dritten Person können wir für die
erste den Rückschluß ziehen, daß bei ihr die Bedingungen für die Abfuhr fehlen, die für die
Lustgewinnung etwa erst unvollständig erfüllt sind. Es ist dann nicht abzuweisen, daß wir unsere
Lust ergänzen, indem wir das uns unmögliche Lachen auf dem Umweg über den Eindruck der
zum Lachen gebrachten Person erreichen. Wir lachen so gleichsam »par ricochet«, wie Dugas es
ausdrückt. Das Lachen gehört zu den im hohen Grade ansteckenden Äußerungen psychischer
Zustände; wenn ich den anderen durch die Mitteilung meines Witzes zum Lachen bringe, bediene
ich mich seiner eigentlich, um mein eigenes Lachen zu erwecken, und man kann wirklich
beobachten, daß, wer zuerst mit ernster Miene den Witz erzählt hat, dann in das Gelächter des
anderen mit einer gemäßigten Lache einstimmt. Die Mitteilung meines Witzes an den anderen
dürfte also mehreren Absichten dienen, erstens mir die objektive Gewißheit von dem Gelingen
der Witzarbeit zu geben, zweitens meine eigene Lust durch die Rückwirkung von diesem anderen
auf mich zu ergänzen, drittens – bei der Wiederholung eines nicht selbstproduzierten Witzes –
der Lusteinbuße durch Wegfall der Neuheit abzuhelfen.
Am Ende dieser Erörterungen über die psychischen Vorgänge des Witzes, insofern sie sich
1018
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin