Page - 1029 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Witzes, die alte Lust am Unsinn oder die alte Wortlust zu gewinnen, findet bei normaler
Stimmung an dem Einspruch der kritischen Vernunft eine Hemmung, die für jeden Einzelfall
überwunden werden muß. Aber in der Art und Weise, wie die Witzarbeit diese Aufgabe löst,
zeigt sich ein durchgreifender Unterschied zwischen dem Witz und dem Traum. In der
Traumarbeit geschieht die Lösung dieser Aufgabe regelmäßig durch Verschiebungen, durch die
Auswahl von Vorstellungen, welche weit genug entfernt von den beanstandeten sind, um
Durchlaß bei der Zensur zu finden, und doch Abkömmlinge dieser sind, deren psychische
Besetzung sie durch volle Übertragung auf sich übernommen haben. Die Verschiebungen fehlen
darum bei keinem Traum und sind weit umfassender; nicht nur die Ablenkungen vom
Gedankengang, sondern auch alle Arten der indirekten Darstellung sind zu den Verschiebungen
zu rechnen, insbesondere der Ersatz eines bedeutsamen, aber anstößigen Elements durch ein
indifferentes, aber der Zensur harmlos erscheinendes, welches wie eine entfernteste Anspielung
an das erstere steht, der Ersatz durch eine Symbolik, ein Gleichnis, ein Kleines. Es ist nicht
abzuweisen, daß Stücke dieser indirekten Darstellung bereits in den vorbewußten Gedanken des
Traumes zustande kommen, so z.
B. die symbolische und die Gleichnisdarstellung, weil sonst der
Gedanke es überhaupt nicht zur Stufe des vorbewußten Ausdrucks gebracht hätte. Indirekte
Darstellungen dieser Art und Anspielungen, deren Beziehung zum Eigentlichen leicht auffindbar
ist, sind ja zulässige und vielgebrauchte Ausdrucksmittel auch in unserem bewußten Denken. Die
Traumarbeit übertreibt aber die Anwendung dieser Mittel der indirekten Darstellung ins
Schrankenlose. Jede Art von Zusammenhang wird unter dem Drucke der Zensur zum Ersatz
durch Anspielung gut genug, die Verschiebung von einem Element her ist auf jedes andere
gestattet. Ganz besonders auffällig und für die Traumarbeit charakteristisch ist die Ersetzung der
inneren Assoziationen (Ähnlichkeit, Kausalzusammenhang usw.) durch die sogenannten äußeren
(Gleichzeitigkeit, Kontiguität im Raum, Gleichklang).
Alle diese Verschiebungsmittel kommen auch als Techniken des Witzes vor, aber wenn sie
vorkommen, halten sie zumeist die Grenzen ein, die ihrer Anwendung im bewußten Denken
gezogen sind, und sie können überhaupt fehlen, obwohl ja auch der Witz regelmäßig eine
Hemmungsaufgabe zu erledigen hat. Man versteht dies Zurücktreten der Verschiebungen bei der
Witzarbeit, wenn man sich erinnert, daß dem Witz ganz allgemein eine andere Technik zu
Gebote steht, mit welcher er sich der Hemmung erwehrt, ja daß wir nichts gefunden haben, was
charakteristischer für ihn wäre als gerade diese Technik. Der Witz schafft nämlich nicht
Kompromisse wie der Traum, er weicht der Hemmung nicht aus, sondern er besteht darauf, das
Spiel mit dem Wort oder dem Unsinn unverändert zu erhalten, beschränkt sich aber auf die
Auswahl von Fällen, in denen dieses Spiel oder dieser Unsinn doch gleichzeitig zulässig (Scherz)
oder sinnreich (Witz) erscheinen kann, dank der Vieldeutigkeit der Worte und der
Mannigfaltigkeit der Denkrelationen. Nichts scheidet den Witz besser von allen anderen
psychischen Bildungen als diese seine Doppelseitigkeit und Doppelzüngigkeit, und wenigstens
von dieser Seite haben sich die Autoren durch die Betonung des »Sinnes im Unsinn« der
Erkenntnis des Witzes am meisten genähert.
Bei der ausnahmslosen Vorherrschaft dieser dem Witz besonderen Technik zur Überwindung
seiner Hemmungen könnte man es überflüssig finden, daß er sich überhaupt noch in einzelnen
Fällen der Verschiebungstechnik bedient, allein einerseits bleiben gewisse Arten dieser Technik
als Ziele und Lustquellen für den Witz wertvoll, wie z. B. die eigentliche Verschiebung
(Gedankenablenkung), die ja die Natur des Unsinns teilt, anderseits darf man nicht vergessen,
daß die höchste Stufe des Witzes, der tendenziöse Witz, häufig zweierlei Hemmungen zu
überwinden hat, die ihm selbst und die seiner Tendenz entgegenstehenden (S. 96), und daß die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin