Page - 1030 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Anspielungen und Verschiebungen ihm die letztere Aufgabe zu ermöglichen geeignet sind.
Die reichliche und zügellose Anwendung der indirekten Darstellung, der Verschiebungen und
insbesondere Anspielungen in der Traumarbeit hat eine Folge, die ich nicht ihrer eigenen
Bedeutung wegen erwähne, sondern weil sie der subjektive Anlaß für mich wurde, mich mit dem
Problem des Witzes zu beschäftigen. Wenn man einem Unkundigen oder Ungewöhnten eine
Traumanalyse mitteilt, in welcher also die sonderbaren, dem Wachdenken anstößigen Wege der
Anspielungen und Verschiebungen dargelegt werden, deren sich die Traumarbeit bedient hat, so
unterliegt der Leser einem ihm unbehaglichen Eindruck, erklärt diese Deutungen für »witzig«,
erblickt aber in ihnen offenbar nicht gelungene Witze, sondern gezwungene und irgendwie gegen
die Regeln des Witzes verstoßende. Dieser Eindruck ist nun leicht aufzuklären: er rührt daher,
daß die Traumarbeit mit denselben Mitteln arbeitet wie der Witz, aber in der Anwendung
derselben die Grenzen überschreitet, welche der Witz einhält. Wir werden auch alsbald hören,
daß der Witz infolge der Rolle der dritten Person an eine gewisse Bedingung gebunden ist,
welche den Traum nicht berührt.
Ein gewisses Interesse nehmen unter den Techniken, die Witz und Traum gemeinsam sind, die
Darstellung durch das Gegenteil und die Verwendung des Widersinnes in Anspruch. Die erstere
gehört zu den kräftig wirkenden Mitteln des Witzes, wie wir unter anderen an den Beispielen von
»Überbietungswitz« ersehen konnten (S. 70 f.). Die Darstellung durchs Gegenteil vermochte sich
übrigens der bewußten Aufmerksamkeit nicht wie die meisten anderen Witztechniken zu
entziehen; wer den Mechanismus der Witzarbeit bei sich möglichst absichtlich in Tätigkeit zu
bringen sucht, der habituelle Witzling, pflegt bald herauszufinden, daß man auf eine Behauptung
am leichtesten mit einem Witz erwidert, wenn man deren Gegenteil festhält und es dem Einfall
überläßt, den gegen dies Gegenteil zu befürchtenden Einspruch durch eine Umdeutung zu
beseitigen. Vielleicht verdankt die Darstellung durchs Gegenteil solche Bevorzugung dem
Umstände, daß sie den Kern einer anderen lustbringenden Ausdrucksweise des Gedankens bildet,
für deren Verständnis wir das Unbewußte nicht zu bemühen brauchen. Ich meine die Ironie, die
sich dem Witze sehr annähert und zu den Unterarten der Komik gerechnet wird. Ihr Wesen
besteht darin, das Gegenteil von dem, was man dem anderen mitzuteilen beabsichtigt,
auszusagen, diesem aber den Widerspruch dadurch zu ersparen, daß man im Tonfall, in den
begleitenden Gesten, in kleinen stilistischen Anzeichen – wenn es sich um schriftliche
Darstellung handelt – zu verstehen gibt, man meine selbst das Gegenteil seiner Aussage. Die
Ironie ist nur dort anwendbar, wo der andere das Gegenteil zu hören vorbereitet ist, so daß seine
Neigung zum Widerspruch nicht ausbleiben kann. Infolge dieser Bedingtheit ist die Ironie der
Gefahr, nicht verstanden zu werden, besonders leicht ausgesetzt. Sie bringt der sie anwendenden
Person den Vorteil, daß sie die Schwierigkeiten direkter Äußerungen, z.
B. bei Invektiven, leicht
umgehen läßt; bei dem Hörer erzeugt sie komische Lust, wahrscheinlich, indem sie ihn zu einem
Widerspruchsaufwand bewegt, der sofort als überflüssig erkannt wird. Ein solcher Vergleich des
Witzes mit einer ihm nahestehenden Gattung des Komischen mag uns in der Annahme bestärken,
daß die Beziehung zum Unbewußten das dem Witz Besondere ist, das ihn vielleicht auch von der
Komik scheidet[53].
In der Traumarbeit fällt der Darstellung durchs Gegenteil eine noch weit größere Rolle zu als
beim Witz. Der Traum liebt es nicht nur, zwei Gegensätze durch ein und dasselbe Mischgebilde
darzustellen; er verwandelt auch so häufig ein Ding aus den Traumgedanken in sein Gegenteil,
daß hieraus der Deutungsarbeit eine große Schwierigkeit erwächst. »Man weiß zunächst von
keinem eines Gegenteils fähigen Elemente, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin