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VII
Der Witz und die Arten des Komischen
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Wir haben uns den Problemen des Komischen auf eine ungewöhnliche Weise genähert. Es schien
uns, daß der Witz, der sonst als eine Unterart der Komik betrachtet wird, genug der
Eigentümlichkeiten biete, um direkt in Angriff genommen zu werden, und so sind wir seiner
Beziehung zu der umfassenderen Kategorie des Komischen, solange es uns möglich war,
ausgewichen, nicht ohne unterwegs einige fürs Komische verwertbare Hinweise aufzugreifen.
Wir haben ohne Schwierigkeiten gefunden, daß das Komische sich sozial anders verhält als der
Witz. Es kann sich mit nur zwei Personen begnügen, der einen, die das Komische findet, und der
zweiten, an der es gefunden wird. Die dritte Person, der das Komische mitgeteilt wird, verstärkt
den komischen Vorgang, fügt aber nichts Neues zu ihm hinzu. Beim Witz ist diese dritte Person
zur Vollendung des lustbringenden Vorganges unentbehrlich; dagegen kann die zweite wegfallen,
wo es sich nicht um tendenziösen, aggressiven Witz handelt. Der Witz wird gemacht, die Komik
wird gefunden, und zwar zu allererst an Personen, erst in weiterer Übertragung auch an Objekten,
Situationen u. dgl. Vom Witz wissen wir, daß nicht fremde Personen, sondern die eigenen
Denkvorgänge die Quellen der zu fördernden Lust in sich bergen. Wir haben ferner gehört, daß
der Witz gelegentlich unzugänglich gewordene Quellen der Komik wieder zu eröffnen weiß und
daß das Komische häufig dem Witz als Fassade dient und ihm die sonst durch die bekannte
Technik herzustellende Vorlust ersetzt (S. 143). Es deutet dies alles gerade nicht auf sehr
einfache Beziehungen zwischen Witz und Komik hin. Anderseits haben sich die Probleme des
Komischen als so komplizierte erwiesen, allen Lösungsbestrebungen der Philosophen bisher so
erfolgreich getrotzt, daß wir die Erwartung nicht aufrechterhalten können, wir würden ihrer
gleichsam durch einen Handstreich Meister werden, wenn wir von der Seite des Witzes her an sie
herankommen. Auch brachten wir für die Erforschung des Witzes ein Instrument mit, welches
anderen noch nicht gedient hatte, die Kenntnis der Traumarbeit; zur Erkenntnis des Komischen
steht uns kein ähnlicher Vorteil zu Gebote, und wir dürfen daher gewärtig sein, daß wir vom
Wesen der Komik nichts anderes erkennen werden, als was sich uns bereits im Witz gezeigt hat,
insofern derselbe dem Komischen zugehört und gewisse Züge desselben unverändert oder
modifiziert in seinem eigenen Wesen führt.
Diejenige Gattung des Komischen, welche dem Witze am nächsten steht, ist das Naive. Das
Naive wird wie das Komische im allgemeinen gefunden, nicht wie der Witz gemacht, und zwar
kann das Naive überhaupt nicht gemacht werden, während beim rein Komischen auch ein
Komischmachen, ein Hervorrufen der Komik in Betracht kommt. Das Naive muß sich ohne unser
Dazutun ergeben an den Reden und Handlungen anderer Personen, die an der Stelle der zweiten
Person beim Komischen oder beim Witze stehen. Das Naive entsteht, wenn sich jemand über
eine Hemmung voll hinaussetzt, weil eine solche bei ihm nicht vorhanden ist, wenn er sie also
mühelos zu überwinden scheint. Bedingung für die Wirkung des Naiven ist, daß uns bekannt sei,
er besitze diese Hemmung nicht, sonst heißen wir ihn nicht naiv, sondern frech, lachen nicht über
ihn, sondern sind über ihn entrüstet. Die Wirkung des Naiven ist unwiderstehlich und scheint
dem Verständnis einfach. Ein von uns gewohnheitsmäßig gemachter Hemmungsaufwand wird
durch das Anhören der naiven Rede plötzlich unverwendbar und durch Lachen abgeführt; eine
Ablenkung der Aufmerksamkeit braucht es dabei nicht, wahrscheinlich weil die Aufhebung der
Hemmung direkt und nicht durch Vermittlung einer angeregten Operation erfolgt. Wir verhalten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin