Page - 1038 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wir geneigt ganz allgemein anzunehmen, daß sie durch ersparten Aufwand bei Vergleichung der
Äußerungen eines anderen mit den unserigen entstehe. Da wir aber hier vor weit ausgreifenden
Anschauungen stehen, wollen wir vorerst die Würdigung des Naiven abschließen. Das Naive
wäre also eine Art des Komischen, insofern seine Lust aus der Aufwanddifferenz entspringt, die
sich beim Verstehenwollen des anderen ergibt, und es näherte sich dem Witz durch die
Bedingung, daß der bei der Vergleichung ersparte Aufwand ein Hemmungsaufwand sein muß[57].
Stellen wir noch rasch einige Übereinstimmungen und Unterscheidungen fest zwischen den
Begriffen, zu denen wir zuletzt gelangt sind, und jenen, die seit langem in der Psychologie der
Komik genannt werden. Das Sichhineinversetzen, Verstehenwollen ist offenbar nichts anderes als
das »komische Leihen«, das seit Jean Paul in der Analyse des Komischen eine Rolle spielt; das
»Vergleichen« des seelischen Vorganges beim anderen mit dem eigenen entspricht dem
»psychologischen Kontrast«, für den wir hier endlich eine Stelle finden, nachdem wir beim Witze
mit ihm nichts anzufangen wußten. In der Erklärung der komischen Lust weichen wir aber von
vielen Autoren ab, bei denen die Lust durch das Hin- und Herschwanken der Aufmerksamkeit
zwischen den kontrastierenden Vorstellungen entstehen soll. Wir wüßten einen solchen
Mechanismus der Lust nicht zu begreifen, wir weisen darauf hin, daß bei der Vergleichung der
Kontraste sich eine Aufwanddifferenz herausstellt, welche, wenn sie keine andere Verwendung
erfährt, abfuhrfähig und dadurch Lustquelle wird[58].
An das Problem des Komischen selbst wagen wir uns nur mit Bangen heran. Es wäre vermessen
zu erwarten, daß unsere Bemühungen etwas Entscheidendes zu dessen Lösung beitragen könnten,
nachdem die Arbeiten einer großen Reihe von ausgezeichneten Denkern eine allseitig
befriedigende Aufklärung nicht ergeben haben. Wir beabsichtigen wirklich nichts anderes als
jene Gesichtspunkte, die sich uns als wertvoll für den Witz erwiesen haben, eine Strecke weit ins
Gebiet des Komischen zu verfolgen.
Das Komische ergibt sich zunächst als ein unbeabsichtigter Fund aus den sozialen Beziehungen
der Menschen. Es wird an Personen gefunden, und zwar an deren Bewegungen, Formen,
Handlungen und Charakterzügen, wahrscheinlich ursprünglich nur an den körperlichen, später
auch an den seelischen Eigenschaften derselben, beziehungsweise an deren Äußerungen. Durch
eine sehr gebräuchliche Art von Personifizierung werden dann auch Tiere und unbelebte Objekte
komisch. Das Komische ist indes der Ablösung von den Personen fähig, indem die Bedingung
erkannt wird, unter welcher eine Person komisch erscheint. So entsteht das Komische der
Situation, und mit solcher Erkenntnis ist die Möglichkeit vorhanden, eine Person nach Belieben
komisch zu machen, indem man sie in Situationen versetzt, in denen ihrem Tun diese
Bedingungen des Komischen anhängen. Die Entdeckung, daß man es in seiner Macht hat, einen
anderen komisch zu machen, eröffnet den Zugang zu ungeahntem Gewinn an komischer Lust und
gibt einer hochausgebildeten Technik den Ursprung. Man kann auch sich selbst ebensowohl
komisch machen wie andere. Die Mittel, die zum Komischmachen dienen, sind: die Versetzung
in komische Situationen, die Nachahmung, Verkleidung, Entlarvung, Karikatur, Parodie und
Travestie u.
a. Wie selbstverständlich, können diese Techniken in den Dienst feindseliger und
aggressiver Tendenzen treten. Man kann eine Person komisch machen, um sie verächtlich werden
zu lassen, um ihr den Anspruch auf Würde und Autorität zu benehmen. Aber selbst wenn solche
Absicht dem Komischmachen regelmäßig zugrunde läge, brauchte dies nicht der Sinn des
spontan Komischen zu sein.
Aus dieser ungeordneten Übersicht über das Vorkommen des Komischen ersehen wir bereits, daß
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin