Page - 1039 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ihm ein sehr ausgedehntes Ursprungsgebiet zugesprochen werden muß und daß so spezialisierte
Bedingungen, wie z. B. beim Naiven, beim Komischen nicht zu erwarten sind. Um der für das
Komische gültigen Bedingung auf die Spur zu kommen, ist die Wahl eines Ausgangsfalles das
Bedeutsamste; wir wählen die Komik der Bewegungen, weil wir uns erinnern, daß die primitivste
Bühnendarstellung, die der Pantomime, sich dieses Mittels bedient, um uns lachen zu machen.
Die Antwort, warum wir über die Bewegungen der Clowns lachen, würde lauten, weil sie uns
übermäßig und unzweckmäßig erscheinen. Wir lachen über einen allzu großen Aufwand. Suchen
wir die Bedingung außerhalb der künstlich gemachten Komik, also dort, wo sie sich unabsichtlich
finden läßt. Die Bewegungen des Kindes erscheinen uns nicht komisch, obwohl das Kind zappelt
und springt. Komisch ist es dagegen, wenn das Kind beim Schreibenlernen die herausgestreckte
Zunge die Bewegungen des Federstiels mitmachen läßt; wir sehen in diesen Mitbewegungen
einen überflüssigen Bewegungsaufwand, den wir uns bei der gleichen Tätigkeit ersparen würden.
In gleicher Weise sind uns andere Mitbewegungen oder auch bloß übermäßig gesteigerte
Ausdrucksbewegungen komisch auch bei Erwachsenen. So sind ganz reine Fälle dieser Art von
Komik die Bewegungen, die der Kegelschieber ausführt, nachdem er die Kugel entlassen hat,
solange er ihren Lauf verfolgt, als könnte er diesen noch nachträglich regulieren; so sind alle
Grimassen komisch, welche den normalen Ausdruck der Gemütsbewegungen übertreiben, auch
dann, wenn sie unwillkürlich erfolgen wie bei an Veitstanz (Chorea St. Viti) leidenden Personen;
so werden die leidenschaftlichen Bewegungen eines modernen Dirigenten jedem
Unmusikalischen komisch erscheinen, der ihre Notwendigkeit nicht zu verstehen weiß. Ja, von
dieser Komik der Bewegungen zweigt das Komische der Körperformen und Gesichtszüge ab,
indem diese aufgefaßt werden, als seien sie das Ergebnis einer zu weit getriebenen und
zwecklosen Bewegung. Aufgerissene Augen, eine hakenförmig zum Mund abgebogene Nase,
abstehende Ohren, ein Buckel, all dergleichen wirkt wahrscheinlich nur komisch, insofern die
Bewegungen vorgestellt werden, die zum Zustandekommen dieser Züge notwendig wären, wobei
Nase, Ohren und andere Körperteile der Vorstellung beweglicher gelten, als sie es in Wirklichkeit
sind. Es ist ohne Zweifel komisch, wenn jemand »mit den Ohren wackeln« kann, und es wäre
ganz gewiß noch komischer, wenn er die Nase heben oder senken könnte. Ein gutes Stück der
komischen Wirkung, welche die Tiere auf uns äußern, kommt von der Wahrnehmung solcher
Bewegungen an ihnen, die wir nicht nachahmen können.
Auf welche Weise gelangen wir aber zum Lachen, wenn wir die Bewegungen eines anderen als
übermäßig und unzweckmäßig erkannt haben? Auf dem Wege der Vergleichung, meine ich,
zwischen der am anderen beobachteten Bewegung und jener, die ich selbst an ihrer Statt
ausgeführt hätte. Die beiden Verglichenen müssen natürlich auf gleiches Maß gesetzt werden,
und dieses Maß ist mein mit der Vorstellung der Bewegung in dem einen wie im anderen Falle
verbundener Innervationsaufwand. Diese Behauptung bedarf der Erläuterung und weiterer
Ausführung.
Was wir hier in Beziehung zueinander setzen, ist einerseits der psychische Aufwand bei einem
gewissen Vorstellen und anderseits der Inhalt dieses Vorgestellten. Unsere Behauptung geht
dahin, daß der erstere nicht allgemein und prinzipiell unabhängig sei vom letzteren, vom
Vorstellungsinhalt, insbesondere daß die Vorstellung eines Großen einen Mehraufwand gegen die
eines Kleinen erfordere. Solange es sich nur um die Vorstellung verschieden großer Bewegungen
handelt, dürfte uns die theoretische Begründung unseres Satzes und sein Erweis durch die
Beobachtung keine Schwierigkeiten bereiten. Es wird sich zeigen, daß in diesem Falle eine
Eigenschaft der Vorstellung tatsächlich mit einer Eigenschaft des Vorgestellten zusammenfällt,
obwohl die Psychologie uns sonst vor solcher Verwechslung warnt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin