Page - 1043 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Konventionen und Notwendigkeiten der Gesellschaft, ja selbst seine eigenen leiblichen
Bedürfnisse darstellen. Ein typischer Fall der letzten Art ist es, wenn jemand in einer Tätigkeit,
die seine seelischen Kräfte in Anspruch nimmt, plötzlich gestört wird durch einen Schmerz oder
ein exkrementelles Bedürfnis. Der Gegensatz, welcher uns bei der Einfühlung die komische
Differenz liefert, ist der zwischen dem hohen Interesse vor der Störung und dem minimalen,
welches er nach Eintritt der Störung noch für seine seelische Tätigkeit übrig hat. Die Person, die
uns diese Differenz liefert, wird uns wiederum als eine unterlegene komisch; sie ist aber nur
unterlegen im Vergleiche mit ihrem früheren Ich und nicht im Vergleiche zu uns, da wir wissen,
daß wir uns im gleichen Falle nicht anders benehmen könnten. Es ist aber bemerkenswert, daß
wir dieses Unterliegen des Menschen nur im Falle der Einfühlung, also beim anderen komisch
finden können, während wir selbst im Falle solcher und ähnlicher Verlegenheiten uns nur
peinlicher Gefühle bewußt würden. Wahrscheinlich ermöglicht uns erst dieses Fernhalten des
Peinlichen von unserer Person, die aus der Vergleichung der wechselnden Besetzungen sich
ergebende Differenz als eine lustvolle zu genießen.
Die andere Quelle des Komischen, die wir in unseren eigenen Besetzungswandlungen finden,
liegt in unseren Beziehungen zum Zukünftigen, welches wir gewohnt sind, durch unsere
Erwartungsvorstellungen zu antizipieren. Ich nehme an, daß ein quantitativ bestimmter Aufwand
unserer jedesmaligen Erwartungsvorstellung zugrunde liegt, der sich also im Falle der
Enttäuschung um eine bestimmte Differenz vermindert, und berufe mich hier wiederum auf die
vorhin gemachten Bemerkungen über »Vorstellungsmimik«. Es scheint mir aber leichter, den
wirklich mobil gemachten Besetzungsaufwand für die Fälle der Erwartung zu erweisen. Es ist für
eine Reihe von Fällen ganz offenkundig, daß motorische Vorbereitungen den Ausdruck der
Erwartung bilden, zunächst für alle Fälle, in denen das erwartete Ereignis Ansprüche an meine
Motilität stellt, und diese Vorbereitungen sind ohne weiteres quantitativ bestimmbar. Wenn ich
einen Ball aufzufangen erwarte, der mir zugeworfen wird, so versetze ich meinen Körper in
Spannungen, die ihn befähigen sollen, dem Anprall des Balls standzuhalten, und die
überschüssigen Bewegungen, die ich mache, wenn sich der aufgefangene Ball als zu leicht
erweist, machen mich den Zuschauern komisch. Ich habe mich durch die Erwartung zu einem
übermäßigen Bewegungsaufwand verführen lassen. Desgleichen, wenn ich z.
B. eine für schwer
gehaltene Frucht aus einem Korb hebe, die aber zu meiner Täuschung hohl, aus Wachs
nachgeahmt ist. Meine Hand verrät durch ihr Emporschnellen, daß ich eine für den Zweck
übergroße Innervation vorbereitet hatte, und ich werde dafür verlacht. Ja es gibt wenigstens einen
Fall, in welchem der Erwartungsaufwand durch das physiologische Experiment am Tier
unmittelbar meßbar aufgezeigt werden kann. In den Pawlowschen Versuchen über
Speichelsekretionen werden Hunden, denen eine Speichelfistel angelegt worden ist, verschiedene
Nahrungsmittel vorgezeigt, und die abgesonderten Mengen Speichel schwanken dann, je
nachdem die Versuchsbedingungen die Erwartungen des Hundes, mit dem Vorgezeigten gefüttert
zu werden, bestärkt oder getäuscht haben.
Auch wo das Erwartete bloß Ansprüche an meine Sinnesorgane und nicht an meine Motilität
stellt, darf ich annehmen, daß die Erwartung sich in einer gewissen motorischen Verausgabung
zur Spannung der Sinne, zur Abhaltung anderer nicht erwarteter Eindrücke äußert, und darf
überhaupt die Einstellung der Aufmerksamkeit als eine motorische Leistung, die einem gewissen
Aufwand gleichkommt, auffassen. Ich darf ferner voraussetzen, daß die vorbereitende Tätigkeit
der Erwartung nicht unabhängig sein wird von der Größe des erwarteten Eindrucks, sondern daß
ich das Groß oder Klein derselben mimisch durch einen größeren oder kleineren
Vorbereitungsaufwand darstellen werde wie im Falle der Mitteilung und im Falle des Denkens
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin