Page - 1044 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ohne zu erwarten. Der Erwartungsaufwand wird sich allerdings aus mehreren Komponenten
zusammensetzen, und auch für meine Enttäuschung wird verschiedenes in Betracht kommen,
nicht nur ob das Eingetroffene sinnlich größer oder kleiner ist als das Erwartete, sondern auch, ob
es des großen Interesses würdig ist, welches ich für die Erwartung aufgeboten hatte. Ich werde
auf diese Weise etwa dazu angeleitet, außer dem Aufwand für die Darstellung von Groß und
Klein (der Vorstellungsmimik), den Aufwand für die Spannung der Aufmerksamkeit
(Erwartungsaufwand) und bei anderen Fällen überdies den Abstraktionsaufwand in Betracht zu
ziehen. Aber diese anderen Arten von Aufwand lassen sich leicht auf den für Groß und Klein
zurückführen, da ja das Interessantere, das Erhabenere und selbst das Abstraktere nur besonders
qualifizierte Spezialfälle des Größeren sind. Nehmen wir hinzu, daß nach Lipps u. a. der
quantitative – und nicht der qualitative – Kontrast in erster Linie als Quelle der komischen Lust
angesehen wird, so werden wir im ganzen damit zufrieden sein, daß wir das Komische der
Bewegung zum Ausgangspunkt unserer Untersuchung gewählt haben.
In Ausführung des Kantschen Satzes, »das Komische sei eine in nichts zergangene Erwartung«,
hat Lipps in seinem hier wiederholt zitierten Buche den Versuch gemacht, die komische Lust
ganz allgemein aus der Erwartung abzuleiten. Trotz der vielen lehrreichen und wertvollen
Ergebnisse, welche dieser Versuch zutage gefördert hat, möchte ich aber der von anderen
Autoren geäußerten Kritik beipflichten, daß Lipps das Ursprungsgebiet des Komischen um vieles
zu eng gefaßt hat und dessen Phänomene seiner Formel nicht ohne großen Zwang unterwerfen
konnte.
[2]
Die Menschen haben sich nicht damit begnügt, das Komische zu genießen, wo sie im Erleben
darauf stoßen, sondern danach gestrebt, es absichtlich herzustellen, und man erfährt mehr vom
Wesen des Komischen, wenn man die Mittel studiert, welche zum Komischmachen dienen. Man
kann vor allem das Komische an seiner eigenen Person zur Erheiterung anderer hervorrufen, z. B.
indem man sich ungeschickt oder dumm stellt. Man erzeugt dann die Komik genauso, als ob man
es wirklich wäre, indem man die Bedingung der Vergleichung, die zur Aufwanddifferenz führt,
erfüllt; man macht sich selbst aber nicht lächerlich oder verächtlich dadurch, sondern kann unter
Umständen sogar Bewunderung erzielen. Das Gefühl der Überlegenheit kommt beim anderen
nicht zustande, wenn er weiß, daß man sich bloß verstellt hat, und dies gibt einen guten
neuerlichen Beweis für die prinzipielle Unabhängigkeit der Komik vom Überlegenheitsgefühl.
Als Mittel, einen anderen komisch zu machen, dient vor allem die Versetzung in Situationen, in
denen man infolge der menschlichen Abhängigkeit von äußeren Verhältnissen, insbesondere
sozialen Momenten, komisch wird, ohne Rücksicht auf die persönlichen Eigenschaften des
Betroffenen, also die Ausnützung der Situationskomik. Diese Versetzung in eine komische
Situation mag eine reale sein (a practical joke), indem man jemandem ein Bein stellt, so daß er
wie ein Ungeschickter hinfällt, ihn dumm erscheinen läßt, dadurch daß man seine Gläubigkeit
ausnützt, ihm etwas Unsinniges einzureden sucht u. dgl., oder sie kann durch Rede oder Spiel
fingiert werden. Es ist ein gutes Hilfsmittel der Aggression, in deren Dienst sich das
Komischmachen zu stellen pflegt, daß die komische Lust unabhängig ist von der Realität der
komischen Situation; so daß jeder eigentlich wehrlos dem Komischgemachtwerden ausgesetzt ist.
Es gibt aber noch andere Mittel zum Komischmachen, die eine besondere Würdigung verdienen
und zum Teil auch neue Ursprünge der komischen Lust aufzeigen. Hieher gehört z. B. die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin