Page - 1045 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Nachahmung, die dem Hörer eine ganz außerordentliche Lust gewährt und ihren Gegenstand
komisch macht, auch wenn sie sich von der karikierenden Übertreibung noch fernhält. Es ist viel
leichter, die komische Wirkung der Karikatur als die der bloßen Nachahmung zu ergründen.
Karikatur, Parodie und Travestie, sowie deren praktisches Gegenstück: die Entlarvung, richten
sich gegen Personen und Objekte, die Autorität und Respekt beanspruchen, in irgendeinem Sinne
erhaben sind. Es sind Verfahren zur Herabsetzung, wie der glückliche Ausdruck der deutschen
Sprache besagt[62]. Das Erhabene ist ein Großes im übertragenen, im psychischen Sinne, und ich
möchte die Annahme machen oder vielmehr erneuern, daß dasselbe wie das somatisch Große
durch einen Mehraufwand dargestellt wird. Es gehört wenig Beobachtung dazu, um festzustellen,
daß ich, wenn ich vom Erhabenen rede, meine Stimme anders innerviere, andere Mienen mache
und meine ganze Körperhaltung gleichsam in Einklang mit der Würde dessen zu bringen suche,
was ich vorstelle. Ich lege mir einen feierlichen Zwang auf, nicht viel anders, als wenn ich mich
in die Gegenwart einer erhabenen Persönlichkeit, eines Monarchen, eines Fürsten der
Wissenschaft begeben soll. Ich werde kaum irregehen, wenn ich annehme, daß diese andere
Innervation der Vorstellungsmimik einem Mehraufwand entspricht. Den dritten Fall eines
solchen Mehraufwandes finde ich wohl, wenn ich mich in abstrakten Gedankengängen anstatt in
den gewohnten konkreten und plastischen Vorstellungen ergehe. Wenn nun die besprochenen
Verfahren zur Herabsetzung des Erhabenen mich dieses wie ein Gewöhnliches vorstellen lassen,
bei dem ich mich nicht zusammennehmen muß, in dessen idealer Gegenwart ich es mir
»kommod« machen kann, wie die militärische Formel lautet, ersparen sie mir den Mehraufwand
des feierlichen Zwanges, und der Vergleich dieser durch die Einfühlung angeregten
Vorstellungsweise mit der bisher gewohnten, die sich gleichzeitig herzustellen sucht, schafft
wiederum die Aufwanddifferenz, die durch Lachen abgeführt werden kann.
Die Karikatur stellt die Herabsetzung bekanntlich her, indem sie aus dem Gesamtausdrucke des
erhabenen Objekts einen einzelnen an sich komischen Zug heraushebt, welcher übersehen
werden mußte, solange er nur im Gesamtbilde wahrnehmbar war. Durch dessen Isolierung kann
nun ein komischer Effekt erzielt werden, der sich auf das Ganze in unserer Erinnerung erstreckt.
Bedingung ist dabei, daß nicht die Anwesenheit des Erhabenen selbst uns in der Disposition der
Ehrerbietung festhalte. Wo ein solcher übersehener komischer Zug in Wirklichkeit fehlt, da
schafft ihn die Karikatur unbedenklich durch die Übertreibung eines an sich nicht komischen. Es
ist wiederum kennzeichnend für den Ursprung der komischen Lust, daß der Effekt der Karikatur
durch solche Verfälschung der Wirklichkeit nicht wesentlich beeinträchtigt wird.
Parodie und Travestie erreichen die Herabsetzung des Erhabenen auf andere Weise, indem sie
die Einheitlichkeit zwischen den uns bekannten Charakteren von Personen und deren Reden und
Handlungen zerstören, entweder die erhabenen Personen oder deren Äußerungen durch niedrige
ersetzen. Darin unterscheiden sie sich von der Karikatur, nicht aber durch den Mechanismus der
Produktion von komischer Lust. Der nämliche Mechanismus gilt auch noch für die Entlarvung,
die nur dort in Betracht kommt, wo jemand Würde und Autorität durch einen Trug an sich
gerissen hat, die ihm in der Wirklichkeit abgenommen werden müssen. Den komischen Effekt
der Entlarvung haben wir durch einige Beispiele beim Witze kennengelernt, z.
B. in jener
Geschichte von der vornehmen Dame, die in den ersten Geburtswehen: Ah, mon dieu ruft,
welcher der Arzt aber nicht eher Beistand leisten will, als bis sie: Ai, waih geschrien hat.
Nachdem wir nun die Charaktere des Komischen kennengelernt haben, können wir nicht mehr
bestreiten, daß diese Geschichte eigentlich ein Beispiel von komischer Entlarvung ist und keinen
berechtigten Anspruch hat, ein Witz geheißen zu werden. An den Witz erinnert sie bloß durch die
Inszenierung, durch das technische Mittel der »Darstellung durch ein Kleinstes«, hier also den
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin