Page - 1047 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gelangen, weil uns zunächst der wesentliche Charakter des Witzes nicht bekannt war. Später
fanden wir diesen, durch die Analogie mit der Traumarbeit geleitet, in der Kompromißleistung
der Witzarbeit zwischen den Anforderungen der vernünftigen Kritik und dem Trieb, auf die alte
Wort- und Unsinnslust nicht zu verzichten. Was so als Kompromiß zustande kam, wenn der
vorbewußte Ansatz des Gedankens für einen Moment der unbewußten Bearbeitung überlassen
wurde, genügte in allen Fällen beiderlei Ansprüchen, präsentierte sich aber der Kritik in
verschiedenen Formen und mußte sich verschiedene Beurteilungen von ihr gefallen lassen. Es
war dem Witz das eine Mal gelungen, sich die Form eines bedeutungslosen, aber immerhin
zulässigen Satzes zu erschleichen, das andere Mal sich im Ausdruck eines wertvollen Gedankens
einzuschmuggeln; im Grenzfalle der Kompromißleistung aber hatte er auf die Befriedigung der
Kritik verzichtet und war, trotzend auf die Lustquellen, über die er verfügte, als barer Unsinn vor
ihr erschienen, hatte sich nicht gescheut, ihren Widerspruch wachzurufen, weil er darauf rechnen
konnte, daß der Hörer die Verunstaltung seines Ausdrucks durch die unbewußte Bearbeitung
redressieren und ihm so seinen Sinn wiedergeben würde.
In welchem Falle wird nun der Witz vor der Kritik als Unsinn erscheinen? Besonders dann, wenn
er sich jener Denkweisen bedient, die im Unbewußten üblich, im bewußten Denken verpönt sind,
also der Denkfehler. Gewisse der Denkweisen des Unbewußten sind nämlich auch für das
Bewußte erhalten geblieben, z. B. manche Arten der indirekten Darstellung, die Anspielung usw.,
wenngleich deren bewußter Gebrauch größeren Beschränkungen unterliegt. Mit diesen
Techniken wird der Witz bei der Kritik keinen oder geringen Anstoß erregen; dieser Erfolg tritt
erst ein, wenn er sich auch jener Mittel als Technik bedient, von denen das bewußte Denken
nichts mehr wissen will. Der Witz kann den Anstoß immer noch vermeiden, wenn er den
angewandten Denkfehler verhüllt, ihn mit einem Schein von Logik verkleidet wie in der
Geschichte von Torte und Likör, Lachs mit Mayonnaise und ähnlichen. Bringt er den Denkfehler
aber unverhüllt, so ist der Einspruch der Kritik gewiß.
In diesem Falle kommt dem Witz nun etwas anderes zugute. Die Denkfehler, die er als
Denkweisen des Unbewußten für seine Technik benützt, erscheinen der Kritik – wenn auch nicht
regelmäßig so – als komisch. Das bewußte Gewährenlassen der unbewußten und als fehlerhaft
verworfenen Denkweisen ist ein Mittel zur Erzeugung der komischen Lust, und dies ist leicht zu
verstehen, denn zur Herstellung der vorbewußten Besetzung bedarf es gewiß eines größeren
Aufwandes als zum Gewährenlassen der unbewußten. Indem wir beim Anhören des wie im
Unbewußten gebildeten Gedankens diesen mit seiner Korrektur vergleichen, ergibt sich für uns
die Aufwanddifferenz, aus welcher die komische Lust hervorgeht. Ein Witz, der sich solcher
Denkfehler als Technik bedient und darum unsinnig erscheint, kann also gleichzeitig komisch
wirken. Kommen wir dem Witze nicht auf die Spur, so erübrigt uns wiederum nur die komische
Geschichte, der Schwank.
Die Geschichte vom geborgten Kessel, der bei der Zurückstellung ein Loch hatte, wobei sich der
Entlehner verantwortete, erstens habe er überhaupt keinen Kessel geborgt, zweitens sei dieser
schon bei der Entlehnung durchlöchert gewesen, und drittens habe er ihn unversehrt, ohne Loch,
zurückgestellt (S. 61), ist ein vortreffliches Beispiel einer rein komischen Wirkung durch
Gewährenlassen unbewußter Denkweise. Gerade dieses Einanderaufheben von mehreren
Gedanken, von denen jeder für sich gut motiviert ist, fällt im Unbewußten weg. Der Traum, an
dem ja die Denkweisen des Unbewußten manifest werden, kennt dementsprechend auch kein
Entweder-Oder[64], nur ein gleichzeitiges Nebeneinander. In jenem Traumbeispiel meiner
Traumdeutung, das ich trotz seiner Komplikation zum Muster für die Deutungsarbeit gewählt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin