Page - 1050 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dasjenige komisch wirkt, was bei einer lebenden Person an einen unbelebten Mechanismus
denken läßt. Seine Formel hiefür lautet: Mécanisation de la vie. Er erklärt die Komik der
Nachahmung, indem er an ein Problem anknüpft, welches Pascal in seinen Pensées aufgestellt,
warum man bei der Vergleichung zweier ähnlicher Gesichter lache, von denen keines an sich
komisch wirke. »Das Lebende soll sich nach unserer Erwartung niemals völlig ähnlich
wiederholen. Wo wir solche Wiederholung finden, vermuten wir jedesmal einen Mechanismus,
der hinter diesem Lebenden steckt.« Wenn man zwei Gesichter von zu weitgehender Ähnlichkeit
sieht, denkt man an zwei Abdrücke aus derselben Form oder an ein ähnliches Verfahren der
mechanischen Herstellung. Kurz, die Ursache des Lachens wäre in diesen Fällen die Abweichung
des Lebenden gegen das Leblose hin; wir können sagen, die Degradierung des Lebenden zum
Leblosen (loc. cit.). Wenn wir diese einschmeichelnden Ausführungen Bergsons gelten lassen,
fällt es uns übrigens nicht schwer, seine Ansicht unserer eigenen Formel zu unterwerfen. Durch
die Erfahrung belehrt, daß jedes Lebende ein anderes ist und eine Art von Aufwand von unserem
Verständnis fordert, finden wir uns enttäuscht, wenn wir infolge vollkommener
Übereinstimmung oder täuschender Nachahmung keines neuen Aufwandes bedürfen. Wir sind
aber enttäuscht im Sinne der Erleichterung, und der überflüssig gewordene Erwartungsaufwand
wird durch Lachen abgeführt. Die nämliche Formel würde auch alle bei Bergson gewürdigten
Fälle der komischen Erstarrung (raideur), der professionellen Gewohnheiten, fixen Ideen und bei
jedem Anlaß wiederholten Redensarten decken. Alle diese Fälle würden auf den Vergleich des
Erwartungsaufwandes mit dem zum Verständnis des sich gleich Gebliebenen erforderlichen
ausgehen, wobei die größere Erwartung sich auf die Beobachtung der individuellen
Mannigfaltigkeit und Plastizität des Lebenden stützt. Bei der Nachahmung wäre also nicht die
Situations-, sondern die Erwartungskomik die Quelle der komischen Lust.
Da wir die komische Lust allgemein von einer Vergleichung ableiten, obliegt es uns, auch das
Komische des Vergleichs selbst zu untersuchen, welcher ja gleichfalls als Mittel zum
Komischmachen dient. Unser Interesse für diese Frage wird eine Steigerung erfahren, wenn wir
uns erinnern, daß uns oft auch im Falle des Gleichnisses das »Gefühl«, ob etwas ein Witz oder
bloß komisch zu nennen sei, im Stiche zu lassen pflegt (s. S. 78 f.).
Das Thema verdiente freilich mehr Sorgfalt, als wir ihm von unserem Interesse her zuteil werden
lassen können. Die Haupteigenschaft, nach welcher wir beim Gleichnis fragen, ist, ob dasselbe
treffend ist, d. h. ob es auf eine wirklich vorhandene Übereinstimmung zweier verschiedener
Objekte aufmerksam macht. Die ursprüngliche Lust am Wiederfinden des Gleichen (Groos,
1899, S. 153) ist nicht das einzige Motiv, welches den Gebrauch der Vergleichung begünstigt; es
kommt hinzu, daß das Gleichnis einer Verwendung fähig ist, welche eine Erleichterung der
intellektuellen Arbeit mit sich bringt, wenn man nämlich, wie zumeist üblich, das Unbekanntere
mit dem Bekannteren, das Abstrakte mit dem Konkreten vergleicht und durch diesen Vergleich
das Fremdere und Schwierigere erläutert. Mit jeder solchen Vergleichung, speziell des
Abstrakten mit dem Sachlichen, ist eine gewisse Herabsetzung und eine gewisse Ersparung an
Abstraktionsaufwand (im Sinne einer Vorstellungsmimik) verbunden, doch reicht dieselbe
natürlich nicht hin, um den Charakter des Komischen deutlich hervortreten zu lassen. Dieser
taucht nicht plötzlich, sondern allmählich aus der Erleichterungslust der Vergleichung auf; es gibt
reichlich Fälle, die bloß ans Komische streifen, bei denen man zweifeln könnte, ob sie den
komischen Charakter zeigen. Unzweifelhaft komisch wird die Vergleichung, wenn der
Niveauunterschied des Abstraktionsaufwandes zwischen beiden Verglichenen sich steigert, wenn
etwas Ernstes und Fremdes, insbesondere intellektueller oder moralischer Natur, in den Vergleich
mit etwas Banalem und Niedrigem gezogen wird. Die vorherige Erleichterungslust und der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin