Page - 1055 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sehr stolz auf meine gute Wahl!«
Hier ist nun nichts, was an den Witz erinnert. Ohne Zweifel ist es aber die Unzulänglichkeit
dieser »Dichtungen«, die sie komisch macht, die ganz außerordentliche Plumpheit ihrer
Ausdrucksweise, die an die alltäglichsten oder dem Zeitungsstil entnommenen Redensarten
gebunden ist, die einfältige Beschränktheit ihrer Gedanken, das Fehlen jeder Spur von poetischer
Denk- oder Redensweise. Bei alledem ist es nicht selbstverständlich, daß wir die Gedichte der
Kempner komisch finden; viele ähnliche Produktionen finden wir bloß herzlich schlecht,
belachen sie nicht, sondern ärgern uns über sie. Gerade die Größe des Abstandes von unseren
Anforderungen an ein Gedicht drängt aber zur komischen Auffassung; wo diese Differenz
geringer ausfiele, wären wir eher zur Kritik als zum Lachen geneigt. Ferner wird die komische
Wirkung bei den Gedichten der Kempner durch andere Nebenumstände gesichert, durch die
unverkennbare gute Absicht der Verfasserin und durch eine gewisse, unseren Spott oder unseren
Ärger entwaffnende Gefühlsinnigkeit, die wir hinter ihren hilflosen Phrasen verspüren. Wir
werden hier an ein Problem gemahnt, dessen Würdigung wir uns aufgeschoben haben. Die
Aufwanddifferenz ist gewiß die Grundbedingung der komischen Lust, aber die Beobachtung
zeigt, daß aus solcher Differenz nicht jedesmal Lust hervorgeht. Welche Bedingungen müssen
hinzukommen oder welche Störungen hintangehalten werden, damit die komische Lust sich aus
der Aufwanddifferenz wirklich ergeben könne? Ehe wir uns aber der Beantwortung dieser Frage
zuwenden, wollen wir als Abschluß der vorigen Erörterungen feststellen, daß das Komische der
Rede nicht zusammenfällt mit dem Witz, der Witz also etwas anderes sein muß als das Komische
der Rede.
[4]
Im Begriffe, nun an die Beantwortung der letztgestellten Frage, nach den Bedingungen der
Entstehung komischer Lust aus der Aufwanddifferenz heranzutreten, dürfen wir uns eine
Erleichterung gestatten, die uns selbst nicht anders als zur Lust gereichen kann. Die genaue
Beantwortung dieser Frage wäre identisch mit einer erschöpfenden Darstellung der Natur des
Komischen, zu der wir uns weder die Fähigkeit noch die Befugnis zusprechen können. Wir
werden uns wiederum damit begnügen, das Problem des Komischen nur so weit zu beleuchten,
bis es sich deutlich von dem des Witzes abhebt.
Allen Theorien des Komischen ist von ihren Kritikern der Einwurf gemacht worden, daß ihre
Definition das für die Komik Wesentliche übersieht. Das Komische beruht auf einem
Vorstellungskontrast; ja, insofern dieser Kontrast komisch und nicht anders wirkt. Das Gefühl der
Komik rührt vom Zergehen einer Erwartung her; ja, wenn diese Enttäuschung nicht gerade
peinlich ist. Die Einwürfe sind ohne Zweifel berechtigt, aber man überschätzt sie, wenn man aus
ihnen schließt, daß das wesentliche Kennzeichen des Komischen bisher der Auffassung
entschlüpft ist. Was die Allgemeingültigkeit jener Definitionen beeinträchtigt, sind Bedingungen,
die für die Entstehung der komischen Lust unerläßlich sind, ohne daß man das Wesen der Komik
in ihnen suchen müßte. Die Abweisung der Einwendungen und die Aufklärung der Widersprüche
gegen die Definitionen des Komischen wird uns allerdings erst leicht, wenn wir die komische
Lust aus der Vergleichsdifferenz zweier Aufwände hervorgehen lassen. Die komische Lust und
der Effekt, an dem sie erkannt wird, das Lachen, können erst dann entstehen, wenn diese
Differenz unverwendbar und abfuhrfähig wird. Wir gewinnen keinen Lusteffekt, sondern
höchstens ein flüchtiges Lustgefühl, an dem der komische Charakter nicht hervortritt, wenn die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin