Page - 1061 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ärgste dieser Verlegenheiten, die Störung anderer Leistungen durch die gebieterischen
Anforderungen der natürlichen Bedürfnisse, entspricht der dem Kinde noch mangelnden
Beherrschung der leiblichen Funktionen. Wo die Situationskomik durch Wiederholungen wirkt,
stützt sie sich auf die dem Kinde eigentümliche Lust an fortgesetzter Wiederholung (Fragen,
Geschichten erzählen), durch die es dem Erwachsenen zur Plage wird. Die Übertreibung, welche
auch dem Erwachsenen noch Lust bereitet, insofern sie eine Rechtfertigung vor dessen Kritik zu
finden weiß, hängt mit der eigentümlichen Maßlosigkeit des Kindes, mit dessen Unkenntnis aller
quantitativen Beziehungen zusammen, die es ja später kennenlernt als die qualitativen.
Maßhalten, Ermäßigung auch der erlaubten Regungen ist eine späte Frucht der Erziehung und
wird durch gegenseitige Hemmung der in einen Zusammenhang aufgenommenen seelischen
Tätigkeiten gewonnen. Wo dieser Zusammenhang geschwächt wird, im Unbewußten des
Traumes, beim Monoideismus der Psychoneurosen, tritt die Unmäßigkeit des Kindes wieder
hervor.
Die Komik der Nachahmung hatte unserem Verständnis relativ große Schwierigkeiten bereitet,
solange wir das infantile Moment dabei außer acht ließen. Die Nachahmung ist aber die beste
Kunst des Kindes und das treibende Motiv der meisten seiner Spiele. Der Ehrgeiz des Kindes
zielt weit weniger auf die Auszeichnung unter seinesgleichen als auf die Nachahmung der
Großen. Von dem Verhältnis des Kindes zu den Erwachsenen hängt auch die Komik der
Herabsetzung ab, der die Herablassung des Erwachsenen im Kinderleben entspricht. Wenig
anderes kann dem Kinde größere Lust bereiten, als wenn der Große sich zu ihm herabläßt, auf
seine drückende Überlegenheit verzichtet und wie seinesgleichen mit ihm spielt. Die
Erleichterung, die dem Kinde reine Lust schafft, wird beim Erwachsenen als Herabsetzung zu
einem Mittel des Komischmachens und zu einer Quelle komischer Lust. Von der Entlarvung
wissen wir, daß sie auf die Herabsetzung zurückgeht.
[c] Am meisten stößt auf Schwierigkeiten die infantile Begründung des dritten Falles, der Komik
der Erwartung, was wohl erklärt, daß jene Autoren, welche diesen Fall in ihrer Auffassung des
Komischen vorangestellt haben, keinen Anlaß fanden, das infantile Moment für die Komik in
Betracht zu ziehen. Das Komische der Erwartung liegt dem Kinde wohl am fernsten, die
Fähigkeit, dieses zu erfassen, tritt bei ihm am spätesten auf. Das Kind wird in den meisten
derartigen Fällen, die dem Erwachsenen komisch dünken, wahrscheinlich nur Enttäuschung
empfinden. Man könnte aber an die Erwartungsseligkeit und Leichtgläubigkeit des Kindes
anknüpfen, um zu verstehen, daß man sich »als Kind« komisch vorkommt, wenn man der
komischen Enttäuschung unterliegt.
Ergäbe sich nun auch aus dem Vorstehenden eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine
Übersetzung des komischen Gefühls, die etwa lauten könnte: Komisch ist das, was sich für den
Erwachsenen nicht schickt, so fühle ich mich doch, vermöge meiner ganzen Stellung zum
komischen Problem, nicht kühn genug, diesen letzten Satz mit ähnlichem Ernst wie die vorhin
aufgestellten zu verteidigen. Ich mag nicht entscheiden, ob die Herabsetzung zum Kinde nur ein
Spezialfall der komischen Herabsetzung ist oder ob alle Komik im Grunde auf einer
Herabsetzung zum Kinde beruht[67].
[7]
Eine Untersuchung, die das Komische noch so flüchtig behandelt, wäre in arger Weise
unvollständig, wenn sie nicht wenigstens einige Bemerkungen für den Humor übrig hätte. Die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin