Page - 1068 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern ist eine der
notwendigsten, aber auch schmerzlichsten Leistungen der Entwicklung. Es ist durchaus
notwendig, daß sie sich vollziehe, und man darf annehmen, jeder normal gewordene Mensch
habe sie in einem gewissen Maß zustande gebracht. Ja, der Fortschritt der Gesellschaft beruht
überhaupt auf dieser Gegensätzlichkeit der beiden Generationen. Anderseits gibt es eine Klasse
von Neurotikern, in deren Zustand man die Bedingtheit erkennt, daß sie an dieser Aufgabe
gescheitert sind.
Für das kleine Kind sind die Eltern zunächst die einzige Autorität und die Quelle alles Glaubens.
Ihnen, das heißt dem gleichgeschlechtlichen Teile, gleich zu werden, groß zu werden wie Vater
und Mutter, ist der intensivste, folgenschwerste Wunsch dieser Kinderjahre. Mit der
zunehmenden intellektuellen Entwicklung kann es aber nicht ausbleiben, daß das Kind allmählich
die Kategorien kennenlernt, in die seine Eltern gehören. Es lernt andere Eltern kennen, vergleicht
sie mit den seinigen und bekommt so ein Recht, an der ihnen zugeschriebenen
Unvergleichlichkeit und Einzigkeit zu zweifeln. Kleine Ereignisse im Leben des Kindes, die eine
unzufriedene Stimmung bei ihm hervorrufen, geben ihm den Anlaß, mit der Kritik der Eltern
einzusetzen und die gewonnene Kenntnis, daß andere Eltern in mancher Hinsicht vorzuziehen
seien, zu dieser Stellungnahme gegen seine Eltern zu verwerten. Aus der Neurosenpsychologie
wissen wir, daß dabei unter anderen die intensivsten Regungen sexueller Rivalität mitwirken. Der
Gegenstand dieser Anlässe ist offenbar das Gefühl der Zurücksetzung. Nur zu oft ergeben sich
Gelegenheiten, bei denen das Kind zurückgesetzt wird oder sich wenigstens zurückgesetzt fühlt,
wo es die volle Liebe der Eltern vermißt, besonders aber bedauert, sie mit anderen Geschwistern
teilen zu müssen. Die Empfindung, daß die eigenen Neigungen nicht voll erwidert werden, macht
sich dann in der aus frühen Kinderjahren oft bewußt erinnerten Idee Luft, man sei ein Stiefkind
oder ein angenommenes Kind. Viele nicht neurotisch gewordene Menschen entsinnen sich sehr
häufig an solche Gelegenheiten, wo sie – meist durch Lektüre beeinflußt – das feindselige
Benehmen der Eltern in dieser Weise auffaßten und erwiderten. Es zeigt sich aber hier bereits der
Einfluß des Geschlechts, indem der Knabe bei weitem mehr Neigung zu feindseligen Regungen
gegen seinen Vater als gegen seine Mutter zeigt und eine viel intensivere Neigung, sich von
jenem als von dieser frei zu machen. Die Phantasietätigkeit der Mädchen mag sich in diesem
Punkte viel schwächer erweisen. In diesen bewußt erinnerten Seelenregungen der Kinderjahre
finden wir das Moment, welches uns das Verständnis des Mythus ermöglicht.
Selten bewußt erinnert, aber fast immer durch die Psychoanalyse nachzuweisen ist dann die
weitere Entwicklungsstufe dieser beginnenden Entfremdung von den Eltern, die man mit dem
Namen: Familienromane der Neurotiker bezeichnen kann. Es gehört nämlich durchaus zum
Wesen der Neurose und auch jeder höheren Begabung eine ganz besondere Tätigkeit der
Phantasie, die sich zunächst in den kindlichen Spielen offenbart und die nun, ungefähr von der
Zeit der Vorpubertät angefangen, sich des Themas der Familienbeziehungen bemächtigt. Ein
charakteristisches Beispiel dieser besonderen Phantasietätigkeit ist das bekannte Tagträumen[73],
das weit über die Pubertät hinaus fortgesetzt wird. Eine genaue Beobachtung dieser Tagträume
lehrt, daß sie der Erfüllung von Wünschen, der Korrektur des Lebens dienen und vornehmlich
zwei Ziele kennen: das erotische und das ehrgeizige (hinter dem aber meist auch das erotische
steckt). Um die angegebene Zeit beschäftigt sich nun die Phantasie des Kindes mit der Aufgabe,
die geringgeschätzten Eltern loszuwerden und durch in der Regel sozial höher stehende zu
ersetzen. Dabei wird das zufällige Zusammentreffen mit wirklichen Erlebnissen (die
Bekanntschaft des Schloßherrn oder Gutsbesitzers auf dem Lande, der Fürstlichkeit in der Stadt)
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin