Page - 1073 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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(Ibid., S. 9): »Nun war aber Ägypten nichts weniger als eine Heimat des Unsinnes. Es war im
Gegenteil eine der frühesten Entwicklungsstätten der menschlichen Vernunft … Es kannte eine
reine und würdevolle Moral und hatte einen großen Teil der zehn Gebote formuliert, als
diejenigen Völker, welchen die heutige Zivilisation gehört, blutdürstigen Idolen Menschenopfer
zu schlachten pflegten. Ein Volk, welches die Fackel der Gerechtigkeit und Kultur in so dunklen
Zeiten entzündete, kann doch in seinem alltäglichen Reden und Denken nicht geradezu stupid
gewesen sein … Wer Glas zu machen und ungeheure Blöcke maschinenmäßig zu heben und zu
bewegen vermochte, muß doch mindestens Vernunft genug gehabt haben, um ein Ding nicht für
sich selbst und gleichzeitig für sein Gegenteil anzusehen. Wie vereinen wir es nun damit, daß die
Ägypter sich eine so sonderbare kontradiktorische Sprache gestatteten? … daß sie überhaupt den
feindlichsten Gedanken ein und denselben lautlichen Träger zu geben und das, was sich
gegenseitig am stärksten opponierte, in einer Art unlöslicher Union zu verbinden pflegten?«
Vor jedem Versuche einer Erklärung muß noch einer Steigerung dieses unbegreiflichen
Verfahrens der ägyptischen Sprache gedacht werden. »Von allen Exzentrizitäten des ägyptischen
Lexikons ist es vielleicht die außerordentlichste, daß es, außer den Worten, die entgegengesetzte
Bedeutungen in sich vereinen, andere zusammengesetzte Worte besitzt, in denen zwei Vokabeln
von entgegengesetzter Bedeutung zu einem Kompositum vereint werden, welches die Bedeutung
nur eines von seinen beiden konstituierenden Gliedern besitzt. Es gibt also in dieser
außerordentlichen Sprache nicht allein Worte, die sowohl ›stark‹ als ›schwach‹ oder sowohl
›befehlen‹ als ›gehorchen‹ besagen; es gibt auch Komposita wie ›altjung‹, ›fernnah‹,
›bindentrennen‹, ›außeninnen‹ …, die trotz ihrer das Verschiedenste einschließenden
Zusammensetzung das erste nur ›jung‹, das zweite nur ›nah‹, das dritte nur ›verbinden‹, das vierte
nur ›innen‹ bedeuten … Man hat also bei diesen zusammengesetzten Worten begriffliche
Widersprüche geradezu absichtlich vereint, nicht um einen dritten Begriff zu schaffen, wie im
Chinesischen mitunter geschieht, sondern nur, um durch das Kompositum die Bedeutung eines
seiner kontradiktorischen Glieder, das allein dasselbe bedeutet haben würde, auszudrücken …«
Indes ist das Rätsel leichter gelöst, als es scheinen will. Unsere Begriffe entstehen durch
Vergleichung. »Wäre es immer hell, so würden wir zwischen hell und dunkel nicht unterscheiden
und demgemäß weder den Begriff noch das Wort der Helligkeit haben können …« »Es ist
offenbar, alles auf diesem Planeten ist relativ und hat unabhängige Existenz, nur insofern es in
seinen Beziehungen zu und von anderen Dingen unterschieden wird …« »Da jeder Begriff somit
der Zwilling seines Gegensatzes ist, wie konnte er zuerst gedacht, wie konnte er anderen, die ihn
zu denken versuchten, mitgeteilt werden, wenn nicht durch die Messung an seinem Gegensatz?
…« (Ibid., S. 15): »Da man den Begriff der Stärke nicht konzipieren konnte, außer im
Gegensatze zur Schwäche, so enthielt das Wort, welches ›stark‹ besagte, eine gleichzeitige
Erinnerung an ›schwach‹, als durch welche es erst zum Dasein gelangte. Dieses Wort bezeichnete
in Wahrheit weder ›stark‹ noch ›schwach‹, sondern das Verhältnis zwischen beiden und den
Unterschied beider, welcher beide gleichmäßig erschuf …« »Der Mensch hat eben seine ältesten
und einfachsten Begriffe nicht anders erringen können als im Gegensatze zu ihrem Gegensatz
und erst allmählich die beiden Seiten der Antithese sondern und die eine ohne bewußte Messung
an der andern denken gelernt.«
Da die Sprache nicht nur zum Ausdruck der eigenen Gedanken, sondern wesentlich zur
Mitteilung derselben an andere dient, kann man die Frage aufwerfen, auf welche Weise hat der
»Urägypter« dem Nebenmenschen zu erkennen gegeben, »welche Seite des Zwitterbegriffes er
jedesmal meinte«? In der Schrift geschah dies mit Hilfe der sogenannten »determinativen«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin