Page - 1074 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1074 -
Text of the Page - 1074 -
Bilder, welche, hinter die Buchstabenzeichen gesetzt, den Sinn derselben angeben und selbst
nicht zur Aussprache bestimmt sind. (Ibid., S. 18): »Wenn das ägyptische Wort ken ›stark‹
bedeuten soll, steht hinter seinem alphabetisch geschriebenen Laut das Bild eines aufrechten,
bewaffneten Mannes; wenn dasselbe Wort ›schwach‹ auszudrücken hat, folgt den Buchstaben,
die den Laut darstellen, das Bild eines hockenden, lässigen Menschen. In ähnlicher Weise werden
die meisten anderen zweideutigen Worte von erklärenden Bildern begleitet.« In der Sprache
diente nach Abels Meinung die Geste dazu, dem gesprochenen Worte das gewünschte
Vorzeichen zu geben.
Die »ältesten Wurzeln« sind es, nach Abel, an denen die Erscheinung des antithetischen
Doppelsinnes beobachtet wird. Im weiteren Verlaufe der Sprachentwicklung schwand nun diese
Zweideutigkeit, und im Altägyptischen wenigstens lassen sich alle Übergänge bis zur
Eindeutigkeit des modernen Sprachschatzes verfolgen. »Die ursprünglich doppelsinnigen Worte
legen sich in der späteren Sprache in je zwei einsinnige auseinander, indem jeder der beiden
entgegengesetzten Sinne je eine lautliche ›Ermäßigung‹ (Modifikation) derselben Wurzel für sich
allein okkupiert.« So z. B. spaltet sich schon im Hieroglyphischen selbst ken »starkschwach« in
ken »stark« und kan »schwach«. »Mit anderen Worten, die Begriffe, die nur antithetisch
gefunden werden konnten, werden dem menschlichen Geiste im Laufe der Zeit genügend
angeübt, um jedem ihrer beiden Teile eine selbständige Existenz zu ermöglichen und jedem somit
seinen separaten lautlichen Vertreter zu verschaffen.«
Der fürs Ägyptische leicht zu führende Nachweis kontradiktorischer Urbedeutungen läßt sich
nach Abel auch auf die semitischen und indoeuropäischen Sprachen ausdehnen. »Wie weit dieses
in anderen Sprachfamilien geschehen kann, bleibt abzuwarten; denn obschon der Gegensinn
ursprünglich den Denkenden jeder Rasse gegenwärtig gewesen sein muß, so braucht derselbe
nicht überall in den Bedeutungen erkennbar geworden oder erhalten zu sein.«
Abel hebt ferner hervor, daß der Philosoph Bain diesen Doppelsinn der Worte, wie es scheint,
ohne Kenntnis der tatsächlichen Phänomene aus rein theoretischen Gründen als eine logische
Notwendigkeit gefordert hat. Die betreffende Stelle (Logic, Bd. 1, 54) beginnt mit den Sätzen:
»The essential relativity of all knowledge, thought or consciousness cannot but show itself in
language. If everything that we can know is viewed as a transition from something else, every
experience must have two sides; and either every name must have a double meaning, or else for
every meaning there must be two names.«
Aus dem »Anhang von Beispielen des ägyptischen, indogermanischen und arabischen
Gegensinnes« hebe ich einige Fälle hervor, die auch uns Sprachunkundigen Eindruck machen
können: Im Lateinischen heißt altus hoch und tief, sacer heilig und verflucht, wo also noch der
volle Gegensinn ohne Modifikation des Wortlautes besteht. Die phonetische Abänderung zur
Sonderung der Gegensätze wird belegt durch Beispiele wie clamare schreien – clam leise, still;
siccus trocken – succus Saft. Im Deutschen bedeutet Boden heute noch das Oberste wie das
Unterste im Haus. Unserem bös (schlecht) entspricht ein bass (gut), im Altsächsischen bat (gut)
gegen englisch bad (schlecht); im Englischen to lock (schließen) gegen deutsch Lücke, Loch.
Deutsch kleben – englisch to cleave (spalten); deutsch Stumm – Stimme usw. So käme vielleicht
noch die vielbelachte Ableitung lucus a non lucendo zu einem guten Sinn.
In seiner Abhandlung über den ›Ursprung der Sprache‹ (1885, S. 305) macht Abel noch auf
1074
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin