Page - 1075 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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andere Spuren alter Denkmühen aufmerksam. Der Engländer sagt noch heute, um »ohne«
auszudrücken, without, also »mitohne« und ebenso der Ostpreuße. With selbst, das heute unserem
»mit« entspricht, hat ursprünglich sowohl »mit« als auch »ohne« geheißen, wie noch aus
withdraw (fortgehen), withhold (entziehen) zu erkennen ist. Dieselbe Wandlung erkennen wir im
deutschen wider (gegen) und wieder (zusammen mit).
Für den Vergleich mit der Traumarbeit hat noch eine andere, höchst sonderbare Eigentümlichkeit
der altägyptischen Sprache Bedeutung. »Im Ägyptischen können die Worte – wir wollen
zunächst sagen, scheinbar – sowohl Laut wie Sinn umdrehen. Angenommen, das deutsche Wort
gut wäre ägyptisch, so könnte es neben gut auch schlecht bedeuten, neben gut auch tug lauten.
Von solchen Lautumdrehungen, die zu zahlreich sind, um durch Zufälligkeit erklärt zu werden,
kann man auch reichliche Beispiele aus den arischen und semitischen Sprachen beibringen. Wenn
man sich zunächst aufs Germanische beschränkt, merke man: Topf – pot; hoat – tub; wait –
täuwen; hurry – Ruhe; care – reck; Balken – Klobe, club. Zieht man die anderen
indogermanischen Sprachen mit in Betracht, so wächst die Zahl der dazugehörigen Fälle
entsprechend, z. B.: capere – packen; ren – Niere; the leaf (Blatt) – folium; dum-a , θυμός –
sanskrit mêdh, mûdha, Mut; Rauchen – russisch Kur-ít; kreischen – to shriek usw.«
Das Phänomen der Lautumdrehung sucht Abel aus einer Doppelung, Reduplikation der Wurzel
zu erklären. Hier würden wir eine Schwierigkeit empfinden, dem Sprachforscher zu folgen. Wir
erinnern uns daran, wie gerne die Kinder mit der Umkehrung des Wortlautes spielen und wie
häufig sich die Traumarbeit der Umkehrung ihres Darstellungsmaterials zu verschiedenen
Zwecken bedient. (Hier sind es nicht mehr Buchstaben, sondern Bilder, deren Reihenfolge
verkehrt wird.) Wir würden also eher geneigt sein, die Lautumdrehung auf ein tiefergreifendes
Moment zurückzuführen[77].
In der Übereinstimmung zwischen der eingangs hervorgehobenen Eigentümlichkeit der
Traumarbeit und der von dem Sprachforscher aufgedeckten Praxis der ältesten Sprachen dürfen
wir eine Bestätigung unserer Auffassung vom regressiven, archaischen Charakter des
Gedankenausdruckes im Traume erblicken. Und als unabweisbare Vermutung drängt sich uns
Psychiatern auf, daß wir die Sprache des Traumes besser verstehen und leichter übersetzen
würden, wenn wir von der Entwicklung der Sprache mehr wüßten[78].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin