Page - 1077 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Man hat ein sonderbares Gefühl, wenn man in so vorgerückten Jahren noch einmal den Auftrag
erhält, einen »deutschen Aufsatz« für das Gymnasium zu schreiben. Man gehorcht aber
automatisch wie jener ausgediente Soldat, der auf das Kommando »Habt acht!« die Hände an die
Hosennaht anlegen und seine Päckchen zu Boden fallen lassen muß. Es ist merkwürdig, wie
bereitwillig man zugesagt hat, als ob sich in dem letzten Halbjahrhundert nichts Besonderes
geändert hätte. Man ist doch alt geworden seither, steht knapp vor dem sechzigsten Lebensjahr,
und Körpergefühl wie Spiegel zeigen unzweideutig an, wieviel man von seinem Lebenslicht
bereits heruntergebrannt hat.
Noch vor zehn Jahren etwa konnte man Momente haben, in denen man sich plötzlich wieder ganz
jung fühlte. Wenn man, bereits graubärtig und mit allen Lasten einer bürgerlichen Existenz
beladen, durch die Straßen der Heimatstadt ging, begegnete man unversehens dem einen oder
anderen wohlerhaltenen älteren Herrn, den man fast demütig begrüßte, weil man einen seiner
Gymnasiallehrer in ihm erkannt hatte. Dann aber blieb man stehen und sah ihm versonnen nach:
Ist er das wirklich oder nur jemand, der ihm so täuschend ähnlich ist? Wie jugendlich sieht er
doch aus, und du bist selbst so alt geworden! Wie alt mag er heute wohl sein? Ist es möglich, daß
diese Männer, die uns damals die Erwachsenen repräsentierten, um so weniges älter waren als
wir?
Die Gegenwart war dann wie verdunkelt und die Lebensjahre von zehn bis achtzehn stiegen aus
den Winkeln des Gedächtnisses empor mit ihren Ahnungen und Irrungen, ihren schmerzhaften
Umbildungen und beseligenden Erfolgen, die ersten Einblicke in eine untergegangene
Kulturwelt, die wenigstens mir später ein unübertroffener Trost in den Kämpfen des Lebens
werden sollte, die ersten Berührungen mit den Wissenschaften, unter denen man glaubte wählen
zu können, welcher man seine – sicherlich unschätzbaren – Dienste weihen würde. Und ich
glaubte mich zu erinnern, daß die ganze Zeit von der Ahnung einer Aufgabe durchzogen war, die
sich zuerst nur leise andeutete, bis ich sie in dem Maturitätsaufsatze in die lauten Worte kleiden
konnte, ich wollte in meinem Leben zu unserem menschlichen Wissen einen Beitrag leisten.
Ich bin dann Arzt geworden, aber eigentlich doch eher Psychologe, und konnte eine neue
psychologische Disziplin schaffen, die sogenannte »Psychoanalyse«, welche gegenwärtig Ärzte
und Forscher in nahen wie in fernen fremdsprachigen Ländern in Atem hält und zu Lob und
Tadel aufregt, die des eigenen Vaterlandes natürlich am geringsten.
Als Psychoanalytiker muß ich mich mehr für affektive als für intellektuelle Vorgänge, mehr für
das unbewußte als für das bewußte Seelenleben interessieren. Meine Ergriffenheit bei der
Begegnung mit meinem früheren Gymnasialprofessor mahnt mich, ein erstes Bekenntnis
abzulegen: Ich weiß nicht, was uns stärker in Anspruch nahm und bedeutsamer für uns wurde, die
Beschäftigung mit den uns vorgetragenen Wissenschaften oder die mit den Persönlichkeiten
unserer Lehrer. Jedenfalls galt den letzteren bei uns allen eine niemals aussetzende
Unterströmung, und bei vielen führte der Weg zu den Wissenschaften nur über die Personen der
Lehrer; manche blieben auf diesem Weg stecken, und einigen ward er auf solche Weise – warum
sollen wir es nicht eingestehen? – dauernd verlegt.
Wir warben um sie oder wandten uns von ihnen ab, imaginierten bei ihnen Sympathien oder
Antipathien, die wahrscheinlich nicht bestanden, studierten ihre Charaktere und bildeten oder
verbildeten an ihnen unsere eigenen. Sie riefen unsere stärksten Auflehnungen hervor und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin