Page - 1078 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zwangen uns zur vollständigen Unterwerfung; wir spähten nach ihren kleinen Schwächen und
waren stolz auf ihre großen Vorzüge, ihr Wissen und ihre Gerechtigkeit. Im Grunde liebten wir
sie sehr, wenn sie uns irgendeine Begründung dazu gaben; ich weiß nicht, ob alle unsere Lehrer
dies bemerkt haben. Aber es ist nicht zu leugnen, wir waren in einer ganz besonderen Weise
gegen sie eingestellt, in einer Weise, die ihre Unbequemlichkeiten für die Betroffenen haben
mochte. Wir waren von vornherein gleich geneigt zur Liebe wie zum Haß, zur Kritik wie zur
Verehrung gegen sie. Die Psychoanalyse nennt eine solche Bereitschaft zu gegensätzlichem
Verhalten eine ambivalente; sie ist auch nicht verlegen, die Quelle einer solchen
Gefühlsambivalenz nachzuweisen.
Sie hat uns nämlich gelehrt, daß die für das spätere Verhalten des Individuums so überaus
wichtigen Affekteinstellungen gegen andere Personen in ungeahnt früher Zeit fertig gemacht
werden. Schon in den ersten sechs Jahren der Kindheit hat der kleine Mensch die Art und den
Affektton seiner Beziehungen zu Personen des nämlichen und des anderen Geschlechts
festgelegt, er kann sie von da an entwickeln und nach bestimmten Richtungen umwandeln, aber
nicht mehr aufheben. Die Personen, an welche er sich in solcher Weise fixiert, sind seine Eltern
und Geschwister. Alle Menschen, die er später kennenlernt, werden ihm zu Ersatzpersonen dieser
ersten Gefühlsobjekte (etwa noch der Pflegepersonen neben den Eltern) und ordnen sich für ihn
in Reihen an, die von den »Imagines«, wie wir sagen, des Vaters, der Mutter, der Geschwister
usw. ausgehen. Diese späteren Bekanntschaften haben also eine Art von Gefühlserbschaft zu
übernehmen, sie stoßen auf Sympathien und Antipathien, zu deren Erwerbung sie selbst nur
wenig beigetragen haben; alle spätere Freundschafts- und Liebeswahl erfolgt auf Grund von
Erinnerungsspuren, welche jene ersten Vorbilder hinterlassen haben.
Von den Imagines einer gewöhnlich nicht mehr im Gedächtnis bewahrten Kindheit ist aber keine
für den Jüngling und Mann bedeutungsvoller als die seines Vaters. Organische Notwendigkeit hat
in dies Verhältnis eine Gefühlsambivalenz eingeführt, als deren ergreifendsten Ausdruck wir den
griechischen Mythus vom König Ödipus erfassen können. Der kleine Knabe muß seinen Vater
lieben und bewundern, er scheint ihm das stärkste, gütigste und weiseste aller Geschöpfe; ist
doch Gott selbst nur eine Erhöhung dieses Vaterbildes, wie es sich dem frühkindlichen
Seelenleben darstellt. Aber sehr bald tritt die andere Seite dieser Gefühlsrelation hervor. Der
Vater wird auch als der übermächtige Störer des eigenen Trieblebens erkannt, er wird zum
Vorbild, das man nicht nur nachahmen, sondern auch beseitigen will, um seine Stelle selbst
einzunehmen. Die zärtliche und die feindselige Regung gegen den Vater bestehen nun
nebeneinander fort, oft durch das ganze Leben hindurch, ohne daß die eine die andere aufheben
könnte. In einem solchen Nebeneinander der Gegensätze liegt der Charakter dessen, was wir eine
Gefühlsambivalenz heißen.
In der zweiten Hälfte der Kindheit bereitet sich eine Veränderung dieses Verhältnisses zum Vater
vor, deren Bedeutung man sich nicht großartig genug vorstellen kann. Der Knabe beginnt aus
seiner Kinderstube in die reale Welt draußen zu schauen, und nun muß er die Entdeckungen
machen, welche seine ursprüngliche Hochschätzung des Vaters untergraben und seine Ablösung
von diesem ersten Ideal befördern. Er findet, daß der Vater nicht mehr der Mächtigste, Weiseste,
Reichste ist, er wird mit ihm unzufrieden, lernt ihn kritisieren und sozial einordnen und läßt ihn
dann gewöhnlich schwer für die Enttäuschung büßen, die jener ihm bereitet hat. Alles
Hoffnungsvolle, aber auch alles Anstößige, was die neue Generation auszeichnet, hat diese
Ablösung vom Vater zur Bedingung.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin