Page - 1081 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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I
Der Psychoanalytiker verspürt nur selten den Antrieb zu ästhetischen Untersuchungen, auch dann
nicht, wenn man die Ästhetik nicht auf die Lehre vom Schönen einengt, sondern sie als Lehre
von den Qualitäten unseres Fühlens beschreibt. Er arbeitet in anderen Schichten des Seelenlebens
und hat mit den zielgehemmten, gedämpften, von so vielen begleitenden Konstellationen
abhängigen Gefühlsregungen, die zumeist der Stoff der Ästhetik sind, wenig zu tun. Hie und da
trifft es sich doch, daß er sich für ein bestimmtes Gebiet der Ästhetik interessieren muß, und dann
ist dies gewöhnlich ein abseits liegendes, von der ästhetischen Fachliteratur vernachlässigtes.
Ein solches ist das »Unheimliche«. Kein Zweifel, daß es zum Schreckhaften, Angst- und
Grauenerregenden gehört, und ebenso sicher ist es, daß dies Wort nicht immer in einem scharf zu
bestimmenden Sinne gebraucht wird, so daß es eben meist mit dem Angsterregenden überhaupt
zusammenfällt. Aber man darf doch erwarten, daß ein besonderer Kern vorhanden ist, der die
Verwendung eines besonderen Begriffswortes rechtfertigt. Man möchte wissen, was dieser
gemeinsame Kern ist, der etwa gestattet, innerhalb des Ängstlichen ein »Unheimliches« zu
unterscheiden.
Darüber findet man nun so viel wie nichts in den ausführlichen Darstellungen der Ästhetik, die
sich überhaupt lieber mit den schönen, großartigen, anziehenden, also mit den positiven
Gefühlsarten, ihren Bedingungen und den Gegenständen, die sie hervorrufen, als mit den
gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen beschäftigen. Von Seiten der ärztlich-psychologischen
Literatur kenne ich nur die eine, inhaltsreiche, aber nicht erschöpfende Abhandlung von
E. Jentsch[79]. Allerdings muß ich gestehen, daß aus leicht zu erratenden, in der Zeit liegenden
Gründen die Literatur zu diesem kleinen Beitrag, insbesondere die fremdsprachige, nicht
gründlich herausgesucht wurde, weshalb er denn auch ohne jeden Anspruch auf Priorität vor den
Leser tritt. Als Schwierigkeit beim Studium des Unheimlichen betont Jentsch mit vollem Recht,
daß die Empfindlichkeit für diese Gefühlsqualität bei verschiedenen Menschen so sehr
verschieden angetroffen wird. Ja, der Autor dieser neuen Unternehmung muß sich einer
besonderen Stumpfheit in dieser Sache anklagen, wo große Feinfühligkeit eher am Platze wäre.
Er hat schon lange nichts erlebt oder kennengelernt, was ihm den Eindruck des Unheimlichen
gemacht hätte, muß sich erst in das Gefühl hineinversetzen, die Möglichkeit desselben in sich
wachrufen. Indes sind Schwierigkeiten dieser Art auch auf vielen anderen Gebieten der Ästhetik
mächtig; man braucht darum die Erwartung nicht aufzugeben, daß sich die Fälle werden
herausheben lassen, in denen der fragliche Charakter von den meisten widerspruchslos anerkannt
wird.
Man kann nun zwei Wege einschlagen: nachsuchen, welche Bedeutung die Sprachentwicklung in
dem Worte »unheimlich« niedergelegt hat, oder zusammentragen, was an Personen und Dingen,
Sinneseindrücken, Erlebnissen und Situationen das Gefühl des Unheimlichen in uns wachruft,
und den verhüllten Charakter des Unheimlichen aus einem allen Fällen Gemeinsamen
erschließen. Ich will gleich verraten, daß beide Wege zum nämlichen Ergebnis führen, das
Unheimliche sei jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute
zurückgeht. Wie das möglich ist, unter welchen Bedingungen das Vertraute unheimlich,
schreckhaft werden kann, das wird aus dem Weiteren ersichtlich werden. Ich bemerke noch, daß
diese Untersuchung in Wirklichkeit den Weg über eine Sammlung von Einzelfällen genommen
und erst später die Bestätigung durch die Aussage des Sprachgebrauches gefunden hat. In dieser
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin