Page - 1089 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Oben zieht eine merkwürdige Erscheinung von etwas, was sich auf der Straße heranbewegt, die
Aufmerksamkeit Claras auf sich. Nathaniel betrachtet dasselbe Ding durch Coppolas Perspektiv,
das er in seiner Tasche findet, wird neuerlich vom Wahnsinn ergriffen, und mit den Worten:
Holzpüppchen, dreh’ dich, will er das Mädchen in die Tiefe schleudern. Der durch ihr Geschrei
herbeigeholte Bruder rettet sie und eilt mit ihr herab. Oben läuft der Rasende mit dem Ausruf
herum: Feuerkreis, dreh’ dich, dessen Herkunft wir ja verstehen. Unter den Menschen, die sich
unten ansammeln, ragt der Advokat Coppelius hervor, der plötzlich wieder erschienen ist. Wir
dürfen annehmen, daß es der Anblick seiner Annäherung war, der den Wahnsinn bei Nathaniel
zum Ausbruch brachte. Man will hinauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, aber Coppelius
lacht: »Wartet nur, der kommt schon herunter von selbst.« Nathaniel bleibt plötzlich stehen, wird
den Coppelius gewahr und wirft sich mit dem gellenden Schrei: »Ja! Sköne Oke – Sköne Oke«
über das Geländer herab. Sowie er mit zerschmettertem Kopf auf dem Straßenpflaster liegt, ist
der Sandmann im Gewühl verschwunden.
Diese kurze Nacherzählung wird wohl keinen Zweifel darüber bestehen lassen, daß das Gefühl
des Unheimlichen direkt an der Gestalt des Sandmannes, also an der Vorstellung, der Augen
beraubt zu werden, haftet und daß eine intellektuelle Unsicherheit im Sinne von Jentsch mit
dieser Wirkung nichts zu tun hat. Der Zweifel an der Beseeltheit, den wir bei der Puppe Olimpia
gelten lassen mußten, kommt bei diesem stärkeren Beispiel des Unheimlichen überhaupt nicht in
Betracht. Der Dichter erzeugt zwar in uns anfänglich eine Art von Unsicherheit, indem er uns,
gewiß nicht ohne Absicht, zunächst nicht erraten läßt, ob er uns in die reale Welt oder in eine ihm
beliebige phantastische Welt einführen wird. Er hat ja bekanntlich das Recht, das eine oder das
andere zu tun, und wenn er z. B. eine Welt, in der Geister, Dämonen und Gespenster agieren, zum
Schauplatz seiner Darstellungen gewählt hat, wie Shakespeare im Hamlet, Macbeth und in
anderem Sinne im Sturm und im Sommernachtstraum, so müssen wir ihm darin nachgeben und
diese Welt seiner Voraussetzung für die Dauer unserer Hingegebenheit wie eine Realität
behandeln. Aber im Verlaufe der Hoffmannschen Erzählung schwindet dieser Zweifel, wir
merken, daß der Dichter uns selbst durch die Brille oder das Perspektiv des dämonischen
Optikers schauen lassen will, ja daß er vielleicht in höchsteigener Person durch solch ein
Instrument geguckt hat. Der Schluß der Erzählung macht es ja klar, daß der Optiker Coppola
wirklich der Advokat Coppelius[82] und also auch der Sandmann ist.
Eine »intellektuelle Unsicherheit« kommt hier nicht mehr in Frage: wir wissen jetzt, daß uns
nicht die Phantasiegebilde eines Wahnsinnigen vorgeführt werden sollen, hinter denen wir in
rationalistischer Überlegenheit den nüchternen Sachverhalt erkennen mögen, und – der Eindruck
des Unheimlichen hat sich durch diese Aufklärung nicht im mindesten verringert. Eine
intellektuelle Unsicherheit leistet uns also nichts für das Verständnis dieser unheimlichen
Wirkung.
Hingegen mahnt uns die psychoanalytische Erfahrung daran, daß es eine schreckliche
Kinderangst ist, die Augen zu beschädigen oder zu verlieren. Vielen Erwachsenen ist diese
Ängstlichkeit verblieben, und sie fürchten keine andere Organverletzung so sehr wie die des
Auges. Ist man doch auch gewohnt zu sagen, daß man etwas behüten werde wie seinen Augapfel.
Das Studium der Träume, der Phantasien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß die Angst um die
Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug ein Ersatz für die Kastrationsangst ist. Auch die
Selbstblendung des mythischen Verbrechers Ödipus ist nur eine Ermäßigung für die Strafe der
Kastration, die ihm nach der Regel der Talion allein angemessen wäre. Man mag es versuchen, in
rationalistischer Denkweise die Zurückführung der Augenangst auf die Kastrationsangst
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin