Page - 1090 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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abzulehnen; man findet es begreiflich, daß ein so kostbares Organ wie das Auge von einer
entsprechend großen Angst bewacht wird, ja man kann weitergehend behaupten, daß kein tieferes
Geheimnis und keine andere Bedeutung sich hinter der Kastrationsangst verberge. Aber man wird
damit doch nicht der Ersatzbeziehung gerecht, die sich in Traum, Phantasie und Mythus zwischen
Auge und männlichem Glied kundgibt, und kann dem Eindruck nicht widersprechen, daß ein
besonders starkes und dunkles Gefühl sich gerade gegen die Drohung, das Geschlechtsglied
einzubüßen erhebt, und daß dieses Gefühl erst der Vorstellung vom Verlust anderer Organe den
Nachhall verleiht. Jeder weitere Zweifel schwindet dann, wenn man aus den Analysen an
Neurotikern die Details des »Kastrationskomplexes« erfahren und dessen großartige Rolle in
ihrem Seelenleben zur Kenntnis genommen hat.
Auch würde ich keinem Gegner der psychoanalytischen Auffassung raten, sich für die
Behauptung, die Augenangst sei etwas vom Kastrationskomplex Unabhängiges, gerade auf die
Hoffmannsche Erzählung vom ›Sandmann‹ zu berufen. Denn warum ist die Augenangst hier mit
dem Tode des Vaters in innigste Beziehung gebracht? Warum tritt der Sandmann jedesmal als
Störer der Liebe auf? Er entzweit den unglücklichen Studenten mit seiner Braut und ihrem
Bruder, der sein bester Freund ist, er vernichtet sein zweites Liebesobjekt, die schöne Puppe
Olimpia, und zwingt ihn selbst zum Selbstmord, wie er unmittelbar vor der beglückenden
Vereinigung mit seiner wiedergewonnenen Clara steht. Diese sowie viele andere Züge der
Erzählung erscheinen willkürlich und bedeutungslos, wenn man die Beziehung der Augenangst
zur Kastration ablehnt, und werden sinnreich, sowie man für den Sandmann den gefürchteten
Vater einsetzt, von dem man die Kastration erwartet[83].
Wir würden es also wagen, das Unheimliche des Sandmannes auf die Angst des kindlichen
Kastrationskomplexes zurückzuführen. Sowie aber die Idee auftaucht, ein solches infantiles
Moment für die Entstehung des unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen, werden wir auch
zum Versuch getrieben, dieselbe Ableitung für andere Beispiele des Unheimlichen in Betracht zu
ziehen. Im Sandmann findet sich noch das Motiv der belebt scheinenden Puppe, das Jentsch
hervorgehoben hat. Nach diesem Autor ist es eine besonders günstige Bedingung für die
Erzeugung unheimlicher Gefühle, wenn eine intellektuelle Unsicherheit geweckt wird, ob etwas
belebt oder leblos sei, und wenn das Leblose die Ähnlichkeit mit dem Lebenden zu weit treibt.
Natürlich sind wir aber gerade mit den Puppen vom Kindlichen nicht weit entfernt. Wir erinnern
uns, daß das Kind im frühen Alter des Spielens überhaupt nicht scharf zwischen Belebtem und
Leblosem unterscheidet und daß es besonders gern seine Puppe wie ein lebendes Wesen
behandelt. Ja, man hört gelegentlich von einer Patientin erzählen, sie habe noch im Alter von acht
Jahren die Überzeugung gehabt, wenn sie ihre Puppen auf eine gewisse Art, möglichst
eindringlich, anschauen würde, müßten diese lebendig werden. Das infantile Moment ist also
auch hier leicht nachzuweisen; aber merkwürdig, im Falle des Sandmannes handelte es sich um
die Erweckung einer alten Kinderangst, bei der lebenden Puppe ist von Angst keine Rede, das
Kind hat sich vor dem Beleben seiner Puppen nicht gefürchtet, vielleicht es sogar gewünscht. Die
Quelle des unheimlichen Gefühls wäre also hier nicht eine Kinderangst, sondern ein
Kinderwunsch oder auch nur ein Kinderglaube. Das scheint ein Widerspruch; möglicherweise ist
es nur eine Mannigfaltigkeit, die späterhin unserem Verständnis förderlich werden kann.
E.
T. A. Hoffmann ist der unerreichte Meister des Unheimlichen in der Dichtung. Sein Roman
Die Elixiere des Teufels weist ein ganzes Bündel von Motiven auf, denen man die unheimliche
Wirkung der Geschichte zuschreiben möchte. Der Inhalt des Romans ist zu reichhaltig und
verschlungen, als daß man einen Auszug daraus wagen könnte. Zu Ende des Buches, wenn die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin