Page - 1093 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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sich, wenn beide an sich indifferenten Begebenheiten nahe aneinanderrücken, so daß einem die
Zahl 62 mehrmals an demselben Tage entgegentritt, und wenn man dann etwa gar die
Beobachtung machen sollte, daß alles, was eine Zahlenbezeichnung trägt, Adressen,
Hotelzimmer, Eisenbahnwagen u. dgl. immer wieder die nämliche Zahl, wenigstens als
Bestandteil, wiederbringt. Man findet das »unheimlich«, und wer nicht stich- und hiebfest gegen
die Versuchungen des Aberglaubens ist, wird sich geneigt finden, dieser hartnäckigen
Wiederkehr der einen Zahl eine geheime Bedeutung zuzuschreiben, etwa einen Hinweis auf das
ihm bestimmte Lebensalter darin zu sehen. Oder wenn man eben mit dem Studium der Schriften
des großen Physiologen E. Hering beschäftigt ist und nun wenige Tage auseinander Briefe von
zwei Personen dieses Namens aus verschiedenen Ländern empfängt, während man bis dahin
niemals mit Leuten, die so heißen, in Beziehung getreten war. Ein geistvoller Naturforscher hat
vor kurzem den Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art gewissen Gesetzen
unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Unheimlichen aufgehoben werden müßte. Ich getraue
mich nicht zu entscheiden, ob es ihm gelungen ist[87].
Wie das Unheimliche der gleichartigen Wiederkehr aus dem infantilen Seelenleben abzuleiten ist,
kann ich hier nur andeuten und muß dafür auf eine bereitliegende ausführliche Darstellung in
anderem Zusammenhange verweisen. Im seelisch Unbewußten läßt sich nämlich die Herrschaft
eines von den Triebregungen ausgehenden Wiederholungszwanges erkennen, der wahrscheinlich
von der innersten Natur der Triebe selbst abhängt, stark genug ist, sich über das Lustprinzip
hinauszusetzen, gewissen Seiten des Seelenlebens den dämonischen Charakter verleiht, sich in
den Strebungen des kleinen Kindes noch sehr deutlich äußert und ein Stück vom Ablauf der
Psychoanalyse des Neurotikers beherrscht. Wir sind durch alle vorstehenden Erörterungen darauf
vorbereitet, daß dasjenige als unheimlich verspürt werden wird, was an diesen inneren
Wiederholungszwang mahnen kann.
Nun, denke ich aber, ist es Zeit, uns von diesen immerhin schwierig zu beurteilenden
Verhältnissen abzuwenden und unzweifelhafte Fälle des Unheimlichen aufzusuchen, von deren
Analyse wir die endgültige Entscheidung über die Geltung unserer Annahme erwarten dürfen.
Im ›Ring des Polykrates‹ wendet sich der Gast mit Grausen, weil er merkt, daß jeder Wunsch des
Freundes sofort in Erfüllung geht, jede seiner Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben
wird. Der Gastfreund ist ihm »unheimlich« geworden. Die Auskunft, die er selbst gibt, daß der
allzu Glückliche den Neid der Götter zu fürchten habe, erscheint uns noch undurchsichtig, ihr
Sinn ist mythologisch verschleiert. Greifen wir darum ein anderes Beispiel aus weit schlichteren
Verhältnissen heraus: In der Krankengeschichte eines Zwangsneurotikers[88] habe ich erzählt, daß
dieser Kranke einst einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt genommen hatte, aus dem er sich
eine große Besserung holte. Er war aber so klug, diesen Erfolg nicht der Heilkraft des Wassers,
sondern der Lage seines Zimmers zuzuschreiben, welches der Kammer einer liebenswürdigen
Pflegerin unmittelbar benachbart war. Als er dann zum zweitenmal in diese Anstalt kam,
verlangte er dasselbe Zimmer wieder, mußte aber hören, daß es bereits von einem alten Herrn
besetzt sei, und gab seinem Unmut darüber in den Worten Ausdruck: Dafür soll ihn aber der
Schlag treffen. Vierzehn Tage später erlitt der alte Herr wirklich einen Schlaganfall. Für meinen
Patienten war dies ein »unheimliches« Erlebnis. Der Eindruck des Unheimlichen wäre noch
stärker gewesen, wenn eine viel kürzere Zeit zwischen jener Äußerung und dem Unfall gelegen
wäre oder wenn der Patient über zahlreiche ganz ähnliche Erlebnisse hätte berichten können. In
der Tat war er um solche Bestätigungen nicht verlegen, aber nicht er allein, alle
Zwangsneurotiker, die ich studiert habe, wußten Analoges von sich zu erzählen. Sie waren gar
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin