Page - 1096 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Gettatore« ist ein gutes Beispiel hiefür, diese unheimliche Gestalt des romanischen
Aberglaubens, die Albrecht Schaeffer in dem Buche Josef Montfort mit poetischer Intuition und
tiefem psychoanalytischen Verständnis zu einer sympathischen Figur umgeschaffen hat. Aber mit
diesen geheimen Kräften stehen wir bereits wieder auf dem Boden des Animismus. Die Ahnung
solcher Geheimkräfte ist es, die dem frommen Gretchen den Mephisto so unheimlich werden
läßt:
Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.
Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben Ursprung. Der Laie sieht hier die
Äußerung von Kräften vor sich, die er im Nebenmenschen nicht vermutet hat, deren Regung er
aber in entlegenen Winkeln der eigenen Persönlichkeit dunkel zu spüren vermag. Das Mittelalter
hatte konsequenterweise und psychologisch beinahe korrekt alle diese Krankheitsäußerungen der
Wirkung von Dämonen zugeschrieben. Ja, ich würde mich nicht verwundern zu hören, daß die
Psychoanalyse, die sich mit der Aufdeckung dieser geheimen Kräfte beschäftigt, vielen
Menschen darum selbst unheimlich geworden ist. In einem Falle, als mir die Herstellung eines
seit vielen Jahren siechen Mädchens – wenn auch nicht sehr rasch – gelungen war, habe ich’s von
der Mutter der für lange Zeit Geheilten selbst gehört.
Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm gelöste Hand wie in einem Märchen
von Hauff, Füße, die für sich allein tanzen wie in dem erwähnten Buche von A. Schaeffer, haben
etwas ungemein Unheimliches an sich, besonders wenn ihnen wie im letzten Beispiel noch eine
selbständige Tätigkeit zugestanden wird. Wir wissen schon, daß diese Unheimlichkeit von der
Annäherung an den Kastrationskomplex herrührt. Manche Menschen würden die Krone der
Unheimlichkeit der Vorstellung zuweisen, scheintot begraben zu werden. Allein die
Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß diese schreckende Phantasie nur die Umwandlung einer
anderen ist, die ursprünglich nichts Schreckhaftes war, sondern von einer gewissen Lüsternheit
getragen wurde, nämlich der Phantasie vom Leben im Mutterleib.
Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was strenggenommen bereits in unseren bisherigen
Behauptungen über den Animismus und die überwundenen Arbeitsweisen des seelischen
Apparats enthalten ist, aber doch einer besonderen Hervorhebung würdig scheint, daß es nämlich
oft und leicht unheimlich wirkt, wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt
wird, wenn etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch gehalten haben, wenn ein
Symbol die volle Leistung und Bedeutung des Symbolisierten übernimmt und dergleichen mehr.
Hierauf beruht auch ein gutes Stück der Unheimlichkeit, die den magischen Praktiken anhaftet.
Das Infantile daran, was auch das Seelenleben der Neurotiker beherrscht, ist die Überbetonung
der psychischen Realität im Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher sich der Allmacht der
Gedanken anschließt. Mitten in der Absperrung des Weltkrieges kam eine Nummer des
englischen Magazins Strand in meine Hände, in der ich unter anderen ziemlich überflüssigen
Produktionen eine Erzählung las, wie ein junges Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der
sich ein seltsam geformter Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. Gegen Abend pflegt
sich dann ein unerträglicher, charakteristischer Gestank in der Wohnung zu verbreiten, man
stolpert im Dunkeln über irgend etwas, man glaubt zu sehen, wie etwas Undefinierbares über die
Treppe huscht, kurz, man soll erraten, daß infolge der Anwesenheit dieses Tisches gespenstische
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin