Page - 1100 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1100 -
Text of the Page - 1100 -
»Verdrängung« über seine rechtmäßigen Grenzen aus. Es ist korrekter, wenn wir einer hier
spürbaren psychologischen Differenz Rechnung tragen und den Zustand, in dem sich die
animistischen Überzeugungen des Kulturmenschen befinden, als ein – mehr oder weniger
vollkommenes – Überwundensein bezeichnen. Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche
des Erlebens kommt zustande, wenn verdrängte infantile Komplexe durch einen Eindruck wieder
belebt werden oder wenn überwundene primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen.
Endlich darf man sich durch die Vorliebe für glatte Erledigung und durchsichtige Darstellung
nicht vom Bekenntnis abhalten lassen, daß die beiden hier aufgestellten Arten des Unheimlichen
im Erleben nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man bedenkt, daß die primitiven
Überzeugungen auf das innigste mit den infantilen Komplexen zusammenhängen und eigentlich
in ihnen wurzeln, wird man sich über diese Verwischung der Abgrenzungen nicht viel
verwundern.
Das Unheimliche der Fiktion – der Phantasie, der Dichtung – verdient in der Tat eine gesonderte
Betrachtung. Es ist vor allem weit reichhaltiger als das Unheimliche des Erlebens, es umfaßt
dieses in seiner Gänze und dann noch anderes, was unter den Bedingungen des Erlebens nicht
vorkommt. Der Gegensatz zwischen Verdrängtem und Überwundenem kann nicht ohne
tiefgreifende Modifikation auf das Unheimliche der Dichtung übertragen werden, denn das Reich
der Phantasie hat ja zur Voraussetzung seiner Geltung, daß sein Inhalt von der Realitätsprüfung
enthoben ist. Das paradox klingende Ergebnis ist, daß in der Dichtung vieles nicht unheimlich ist,
was unheimlich wäre, wenn es sich im Leben ereignete, und daß in der Dichtung viele
Möglichkeiten bestehen, unheimliche Wirkungen zu erzielen, die fürs Leben wegfallen.
Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine Darstellungswelt nach Belieben so
zu wählen, daß sie mit der uns vertrauten Realität zusammenfällt oder sich irgendwie von ihr
entfernt. Wir folgen ihm in jedem Falle. Die Welt des Märchens z. B. hat den Boden der Realität
von vornherein verlassen und sich offen zur Annahme der animistischen Überzeugungen
bekannt. Wunscherfüllungen, geheime Kräfte, Allmacht der Gedanken, Belebung des Leblosen,
die im Märchen ganz gewöhnlich sind, können hier keine unheimliche Wirkung äußern, denn für
die Entstehung des unheimlichen Gefühls ist, wie wir gehört haben, der Urteilsstreit erforderlich,
ob das überwundene Unglaubwürdige nicht doch real möglich ist, eine Frage, die durch die
Voraussetzungen der Märchenwelt überhaupt aus dem Wege geräumt ist. So verwirklicht das
Märchen, das uns die meisten Beispiele von Widerspruch gegen unsere Lösung des
Unheimlichen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall, daß im Reiche der Fiktion vieles nicht
unheimlich ist, was unheimlich wirken müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen
fürs Märchen noch andere Momente, die später kurz berührt werden sollen.
Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die, minder phantastisch als die
Märchenwelt, sich von der realen doch durch die Aufnahme von höheren geistigen Wesen,
Dämonen oder Geistern Verstorbener scheidet. Alles Unheimliche, was diesen Gestalten anhaften
könnte, entfällt dann, soweit die Voraussetzungen dieser poetischen Realität reichen. Die Seelen
der Danteschen Hölle oder die Geistererscheinungen in Shakespeares Hamlet, Macbeth, Julius
Caesar mögen düster und schreckhaft genug sein, aber unheimlich sind sie im Grunde
ebensowenig wie etwa die heitere Götterwelt Homers. Wir passen unser Urteil den Bedingungen
dieser vom Dichter fingierten Realität an und behandeln Seelen, Geister und Gespenster, als
wären sie vollberechtigte Existenzen, wie wir es selbst in der materiellen Realität sind. Auch dies
ist ein Fall, in dem Unheimlichkeit erspart wird.
1100
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin