Page - 1101 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf den Boden der gemeinen Realität
gestellt hat. Dann übernimmt er auch alle Bedingungen, die im Erleben für die Entstehung des
unheimlichen Gefühls gelten, und alles was im Leben unheimlich wirkt, wirkt auch so in der
Dichtung. Aber in diesem Falle kann der Dichter auch das Unheimliche weit über das im Erleben
mögliche Maß hinaus steigern und vervielfältigen, indem er solche Ereignisse vorfallen läßt, die
in der Wirklichkeit nicht oder nur sehr selten zur Erfahrung gekommen wären. Er verrät uns dann
gewissermaßen an unseren für überwunden gehaltenen Aberglauben, er betrügt uns, indem er uns
die gemeine Wirklichkeit verspricht und dann doch über diese hinausgeht. Wir reagieren auf
seine Fiktionen so, wie wir auf eigene Erlebnisse reagiert hätten; wenn wir den Betrug merken,
ist es zu spät, der Dichter hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich muß behaupten, er hat keine
reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt ein Gefühl von Unbefriedigung, eine Art von Groll über die
versuchte Täuschung, wie ich es besonders deutlich nach der Lektüre von Schnitzlers Erzählung
Die Weissagung und ähnlichen mit dem Wunderbaren liebäugelnden Produktionen verspürt habe.
Der Dichter hat dann noch ein Mittel zur Verfügung, durch welches er sich dieser unserer
Auflehnung entziehen und gleichzeitig die Bedingungen für das Erreichen seiner Absichten
verbessern kann. Es besteht darin, daß er uns lange Zeit über nicht erraten läßt, welche
Voraussetzungen er eigentlich für die von ihm angenommene Welt gewählt hat, oder daß er
kunstvoll und arglistig einer solchen entscheidenden Aufklärung bis zum Ende ausweicht. Im
ganzen wird aber hier der vorhin angekündigte Fall verwirklicht, daß die Fiktion neue
Möglichkeiten des unheimlichen Gefühls erschafft, die im Erleben wegfallen würden.
Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich strenggenommen nur auf das Unheimliche, das aus
dem Überwundenen entsteht. Das Unheimliche aus verdrängten Komplexen ist resistenter, es
bleibt in der Dichtung – von einer Bedingung abgesehen – ebenso unheimlich wie im Erleben.
Das andere Unheimliche, das aus dem Überwundenen, zeigt diesen Charakter im Erleben und in
der Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen Realität stellt, kann ihn aber in den fiktiven,
vom Dichter geschaffenen Realitäten einbüßen.
Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit die Vorrechte der Fiktion in der
Hervorrufung und Hemmung des unheimlichen Gefühls durch die vorstehenden Bemerkungen
nicht erschöpft werden. Gegen das Erleben verhalten wir uns im allgemeinen gleichmäßig passiv
und unterliegen der Einwirkung des Stofflichen. Für den Dichter sind wir aber in besonderer
Weise lenkbar; durch die Stimmung, in die er uns versetzt, durch die Erwartungen, die er in uns
erregt, kann er unsere Gefühlsprozesse von dem einen Erfolg ablenken und auf einen anderen
einstellen und kann aus demselben Stoff oft sehr verschiedenartige Wirkungen gewinnen. Dies ist
alles längst bekannt und wahrscheinlich von den berufenen Ästhetikern eingehend gewürdigt
worden. Wir sind auf dieses Gebiet der Forschung ohne rechte Absicht geführt worden, indem
wir der Versuchung nachgaben, den Widerspruch gewisser Beispiele gegen unsere Ableitung des
Unheimlichen aufzuklären. Zu einzelnen dieser Beispiele wollen wir darum auch zurückkehren.
Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz des Rhampsenit nicht unheimlich
wirke wie etwa in der Hauffschen ›Geschichte von der abgehauenen Hand‹. Die Frage erscheint
uns jetzt bedeutsamer, da wir die größere Resistenz des Unheimlichen aus der Quelle verdrängter
Komplexe erkannt haben. Die Antwort ist leicht zu geben. Sie lautet, daß wir in dieser Erzählung
nicht auf die Gefühle der Prinzessin, sondern auf die überlegene Schlauheit des »Meisterdiebes«
eingestellt werden. Der Prinzessin mag das unheimliche Gefühl dabei nicht erspart worden sein,
wir wollen es selbst für glaubhaft halten, daß sie in Ohnmacht gefallen ist, aber wir verspüren
nichts Unheimliches, denn wir versetzen uns nicht in sie, sondern in den anderen. Durch eine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin