Page - 1109 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Verehrter Freund!
Dringend aufgefordert, etwas Geschriebenes zur Feier Ihres siebzigsten Geburtstages
beizutragen, habe ich mich lange bemüht, etwas zu finden, was Ihrer in irgendeinem Sinne
würdig wäre, was meiner Bewunderung Ausdruck geben könnte für Ihre Wahrheitsliebe, Ihren
Bekennermut, Ihre Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Oder was die Dankbarkeit für
den Dichter bezeugen würde, der mir soviel Genuß und Erhebung geschenkt hat. Es war
vergeblich; ich bin um ein Jahrzehnt älter als Sie, meine Produktion ist versiegt. Was ich Ihnen
schließlich zu bieten habe, ist die Gabe eines Verarmten, der »einst bessere Tage gesehen hat«.
Sie wissen, meine wissenschaftliche Arbeit hatte sich das Ziel gesetzt, ungewöhnliche, abnorme,
pathologische Erscheinungen des Seelenlebens aufzuklären, das heißt, sie auf die hinter ihnen
wirkenden psychischen Kräfte zurückzuführen und die dabei tätigen Mechanismen aufzuzeigen.
Ich versuchte dies zunächst an der eigenen Person, dann auch an anderen und endlich in kühnem
Übergriff auch am Menschengeschlecht im ganzen. Ein solches Phänomen, das ich vor einem
Menschenalter, im Jahre 1904, an mir erlebt und nie verstanden hatte, tauchte in den letzten
Jahren in meiner Erinnerung immer wieder auf; ich wußte zunächst nicht warum. Ich entschloß
mich endlich, das kleine Erlebnis zu analysieren, und teile Ihnen hier das Ergebnis dieser Studie
mit. Dabei muß ich Sie natürlich bitten, den Angaben aus meinem persönlichen Leben mehr
Aufmerksamkeit zu schenken, als sie sonst verdienten.
Eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis
Ich pflegte damals alljährlich Ende August oder Anfang September mit meinem jüngeren Bruder
eine Ferienreise anzutreten, die mehrere Wochen dauerte und uns nach Rom, irgendeiner Gegend
des Landes Italien oder an eine Küste des Mittelmeeres führte. Mein Bruder ist zehn Jahre jünger
als ich, also gleichaltrig mit Ihnen – ein Zusammentreffen, das mir erst jetzt auffällt. In diesem
Jahr erklärte mein Bruder, seine Geschäfte erlaubten ihm keine längere Abwesenheit, er könnte
höchstens eine Woche ausbleiben, wir müßten unsere Reise abkürzen. So beschlossen wir, über
Triest nach der Insel Korfu zu fahren und unsere wenigen Urlaubstage dort zu verbringen. In
Triest besuchte er einen dort ansässigen Geschäftsfreund, ich begleitete ihn. Der freundliche
Mann erkundigte sich auch nach unseren weiteren Absichten, und als er hörte, daß wir nach
Korfu wollten, riet er uns dringend ab. »Was wollen Sie um diese Zeit dort machen? Es ist so
heiß, daß Sie nichts unternehmen können. Gehen Sie doch lieber nach Athen. Der Lloyddampfer
geht heute nachmittags ab, läßt Ihnen drei Tage Zeit, um die Stadt zu sehen, und holt Sie auf
seiner Rückfahrt ab. Das wird lohnender und angenehmer sein.«
Als wir den Triestiner verlassen hatten, waren wir beide in merkwürdig übler Stimmung. Wir
diskutierten den uns vorgeschlagenen Plan, fanden ihn durchaus unzweckmäßig und sahen nur
Hindernisse gegen seine Ausführung, nahmen auch an, daß wir ohne Reisepässe in Griechenland
nicht eingelassen würden. Die Stunden bis zur Eröffnung des Lloydbureaus wanderten wir
mißvergnügt und unentschlossen in der Stadt herum. Aber als die Zeit gekommen war, gingen
wir an den Schalter und lösten Schiffskarten nach Athen, wie selbstverständlich, ohne uns um die
vorgeblichen Schwierigkeiten zu kümmern, ja ohne daß wir die Gründe für unsere Entscheidung
gegeneinander ausgesprochen hätten. Dies Benehmen war doch sehr sonderbar. Wir anerkannten
später, daß wir den Vorschlag, nach Athen anstatt nach Korfu zu gehen, sofort und bereitwilligst
angenommen hatten. Warum hatten wir uns also die Zwischenzeit bis zur Öffnung der Schalter
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin