Page - 1111 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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überwältigend starker Wunsch erfüllt worden ist. Die Gegensätzlichkeit der beiden Situationen ist
aber nicht so groß, wie es anfangs scheint. Im paradoxen Falle ist einfach eine innere Versagung
an die Stelle der äußeren getreten. Man gönnt sich das Glück nicht, die innere Versagung
befiehlt, an der äußeren festzuhalten. Warum aber? Weil, so lautet in einer Reihe von Fällen die
Antwort, man sich vom Schicksal etwas so Gutes nicht erwarten kann. Also wiederum das » too
good to be true«, die Äußerung eines Pessimismus, von dem viele von uns ein großes Stück in
sich zu beherbergen scheinen. In anderen Fällen ist es ganz so wie bei denen, die am Erfolg
scheitern, ein Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühl, das man übersetzen kann: Ich bin eines
solchen Glückes nicht würdig, ich verdiene es nicht. Aber diese beiden Motivierungen sind im
Grunde das nämliche, die eine nur eine Projektion der anderen. Denn, wie längst bekannt, ist das
Schicksal, von dem man sich so schlechte Behandlung erwartet, eine Materialisation unseres
Gewissens, des strengen Über-Ichs in uns, in dem sich die strafende Instanz unserer Kindheit
niedergeschlagen hat.
Damit wäre, meine ich, unser Benehmen in Triest erklärt. Wir konnten nicht glauben, daß uns die
Freude bestimmt sein sollte, Athen zu sehen. Daß das Stück Realität, das wir ablehnen wollten,
zunächst nur eine Möglichkeit war, bestimmte die Eigentümlichkeiten unserer damaligen
Reaktion. Als wir dann auf der Akropolis standen, war die Möglichkeit zur Wirklichkeit
geworden, und derselbe Unglaube fand nun einen veränderten, aber weit deutlicheren Ausdruck.
Dieser hätte ohne Entstellung lauten sollen: Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß es mir je
gegönnt sein würde, Athen mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie es doch jetzt unzweifelhaft
der Fall ist! Wenn ich mich erinnere, welche glühende Sehnsucht, zu reisen und die Welt zu
sehen, mich in der Gymnasialzeit und später beherrscht hatte und wie spät sie sich in Erfüllung
umzusetzen begann, verwundere ich mich dieser Nachwirkung auf der Akropolis nicht; ich war
damals achtundvierzig Jahre alt. Ich habe meinen jüngeren Bruder nicht befragt, ob er ähnliches
wie ich verspürt. Eine gewisse Scheu lag über dem ganzen Erlebnis, sie hatte schon in Triest
unseren Gedankenaustausch behindert.
Wenn ich aber den Sinn meines Einfalls auf der Akropolis richtig erraten habe, er drücke meine
freudige Verwunderung darüber aus, daß ich mich jetzt an diesem Ort befinde, so erhebt sich die
weitere Frage, warum dieser Sinn im Einfall eine so entstellte und entstellende Einkleidung
erfahren hat.
Der wesentliche Inhalt des Gedankens ist auch in der Entstellung erhalten geblieben, es ist ein
Unglaube. »Nach dem Zeugnis meiner Sinne stehe ich jetzt auf der Akropolis, allein ich kann es
nicht glauben.« Dieser Unglaube, dieser Zweifel an einem Stück der Realität, wird aber in der
Äußerung in zweifacher Weise verschoben, erstens in die Vergangenheit gerückt und zweitens
von meiner Beziehung zur Akropolis weg auf die Existenz der Akropolis selbst verlegt. So
kommt etwas zustande, was der Behauptung gleichkommt, ich hätte früher einmal an der realen
Existenz der Akropolis gezweifelt, was meine Erinnerung aber als unrichtig, ja als unmöglich
ablehnt.
Die beiden Entstellungen bedeuten zwei voneinander unabhängige Probleme. Man kann
versuchen, tiefer in den Umsetzungsprozeß einzudringen. Ohne näher anzugeben, wie ich dazu
komme, will ich davon ausgehen, das Ursprüngliche müsse eine Empfindung gewesen sein, daß
an der damaligen Situation etwas Unglaubwürdiges und Unwirkliches zu verspüren sei. Die
Situation umfaßt meine Person, die Akropolis und meine Wahrnehmung derselben. Ich weiß
diesen Zweifel nicht unterzubringen, ich kann ja meine Sinneseindrücke von der Akropolis nicht
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin