Page - 1112 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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in Zweifel ziehen. Ich erinnere mich aber, daß ich in der Vergangenheit an etwas gezweifelt, was
mit eben dieser Örtlichkeit zu tun hatte, und finde so die Auskunft, den Zweifel in die
Vergangenheit zu versetzen. Aber dabei ändert der Zweifel seinen Inhalt. Ich erinnere mich nicht
einfach daran, daß ich in frühen Jahren daran gezweifelt, ob ich je die Akropolis selbst sehen
werde, sondern ich behaupte, daß ich damals überhaupt nicht an die Realität der Akropolis
geglaubt habe. Grade aus diesem Ergebnis der Entstellung ziehe ich den Schluß, daß die
gegenwärtige Situation auf der Akropolis ein Element von Zweifel an der Realität enthalten hat.
Es ist mir bisher gewiß nicht gelungen, den Hergang klarzumachen, darum will ich kurz
abschließend sagen, die ganze anscheinend verworrene und schwer darstellbare psychische
Situation löst sich glatt durch die Annahme, daß ich damals auf der Akropolis einen Moment lang
das Gefühl hatte – oder hätte haben können: was ich da sehe, ist nicht wirklich. Man nennt das
ein »Entfremdungsgefühl«. Ich machte einen Versuch, mich dessen zu erwehren, und es gelang
mir auf Kosten einer falschen Aussage über die Vergangenheit.
Diese Entfremdungen sind sehr merkwürdige, noch wenig verstandene Phänomene. Man
beschreibt sie als »Empfindungen«, aber es sind offenbar komplizierte Vorgänge, an bestimmte
Inhalte geknüpft und mit Entscheidungen über diese Inhalte verbunden. Bei gewissen
psychischen Erkrankungen sehr häufig, sind sie doch auch dem normalen Menschen nicht
unbekannt, etwa wie die gelegentlichen Halluzinationen der Gesunden. Aber sie sind doch gewiß
Fehlleistungen, von abnormem Aufbau wie die Träume, die ungeachtet ihres regelmäßigen
Vorkommens beim Gesunden uns als Vorbilder seelischer Störung gelten. Man beobachtet sie in
zweierlei Formen; entweder erscheint uns ein Stück der Realität als fremd oder ein Stück des
eigenen Ichs. In letzterem Fall spricht man von »Depersonalisation«; Entfremdungen und
Depersonalisationen gehören innig zusammen. Es gibt andere Phänomene, in denen wir
gleichsam die positiven Gegenstücke zu ihnen erkennen mögen, die sog. » fausse
reconnaissance«, das » déjà vu«, » déjà raconté«, Täuschungen, in denen wir etwas als zu
unserem Ich gehörig annehmen wollen, wie wir bei den Entfremdungen etwas von uns
auszuschließen bemüht sind. Ein naiv-mystischer, unpsychologischer Erklärungsversuch will die
Phänomene des déjà vu als Beweise für frühere Existenzen unseres seelischen Ichs verwerten.
Von der Depersonalisation führt der Weg zu der höchst merkwürdigen » double conscience«, die
man richtiger »Persönlichkeitsspaltung« benennt. Das ist alles noch so dunkel, so wenig
wissenschaftlich bezwungen, daß ich mir verbieten muß, es vor Ihnen weiter zu erörtern.
Es genügt meiner Absicht, wenn ich auf zwei allgemeine Charaktere der
Entfremdungsphänomene zurückkomme. Der erste ist, sie dienen alle der Abwehr, wollen etwas
vom Ich fernhalten, verleugnen. Nun kommen von zwei Seiten her neue Elemente an das Ich
heran, die zur Abwehr auffordern können, aus der realen Außenwelt und aus der Innenwelt der
im Ich auftauchenden Gedanken und Regungen. Vielleicht deckt diese Alternative die
Unterscheidung zwischen den eigentlichen Entfremdungen und den Depersonalisationen. Es gibt
eine außerordentliche Fülle von Methoden, Mechanismen sagen wir, deren sich unser Ich bei der
Erledigung seiner Abwehraufgaben bedient. In meiner nächsten Nähe erwächst jetzt eine Arbeit,
die sich mit dem Studium dieser Abwehrmethoden beschäftigt; meine Tochter, die
Kinderanalytikerin, schreibt eben ein Buch darüber. Von der primitivsten und gründlichsten
dieser Methoden, von der »Verdrängung«, hat unsere Vertiefung in die Psychopathologie
überhaupt ihren Ausgang genommen. Zwischen der Verdrängung und der normal zu nennenden
Abwehr des Peinlich-Unerträglichen durch Anerkennung, Überlegung, Urteil und zweckmäßiges
Handeln liegt eine große Reihe von Verhaltungsweisen des Ichs von mehr oder weniger deutlich
pathologischem Charakter. Darf ich bei einem Grenzfall einer solchen Abwehr verweilen? Sie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin