Page - 1119 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Durch eingehende Untersuchungen bin ich in den letzten Jahren zur Erkenntnis gelangt, daß
Momente aus dem Sexualleben die nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen eines jeden
Falles von neurotischer Erkrankung darstellen. Diese Lehre ist nicht völlig neu; eine gewisse
Bedeutung ist den sexuellen Momenten in der Ätiologie der Neurosen von jeher und von allen
Autoren eingeräumt worden; für manche Unterströmungen in der Medizin ist die Heilung von
»Sexualbeschwerden« und von »Nervenschwäche« immer in einem einzigen Versprechen vereint
gewesen. Es wird also nicht schwerhalten, dieser Lehre die Originalität zu bestreiten, wenn man
einmal darauf verzichtet haben wird, ihre Triftigkeit zu leugnen.
In einigen kürzeren Aufsätzen, die in den letzten Jahren im Neurologischen Zentralblatt, in der
Revue neurologique und in der Wiener Klinischen Rundschau erschienen sind, habe ich versucht,
das Material und die Gesichtspunkte anzudeuten, welche der Lehre von der »sexuellen Ätiologie
der Neurosen« eine wissenschaftliche Stütze bieten. Eine ausführliche Darstellung steht noch aus,
und zwar wesentlich darum, weil man bei der Bemühung, den als tatsächlich erkannten
Zusammenhang aufzuklären, zu immer neuen Problemen gelangt, für deren Lösung es an
Vorarbeiten fehlt. Keineswegs verfrüht erscheint mir aber der Versuch, das Interesse des
praktischen Arztes auf die von mir behaupteten Verhältnisse zu lenken, damit er sich in einem
von der Richtigkeit dieser Behauptungen und von den Vorteilen überzeuge, welche er für sein
ärztliches Handeln aus ihrer Erkenntnis ableiten kann.
Ich weiß, daß es an Bemühungen nicht fehlen wird, den Arzt durch ethisch gefärbte Argumente
von der Verfolgung dieses Gegenstandes abzuhalten. Wer sich bei seinen Kranken überzeugen
will, ob ihre Neurosen wirklich mit ihrem Sexualleben zusammenhängen, der kann es nicht
vermeiden, sich bei ihnen nach ihrem Sexualleben zu erkundigen und auf wahrheitsgetreue
Aufklärung über dasselbe zu dringen. Darin soll aber die Gefahr für den einzelnen wie für die
Gesellschaft liegen. Der Arzt, höre ich sagen, hat kein Recht, sich in die sexuellen Geheimnisse
seiner Patienten einzudrängen, ihre Schamhaftigkeit – besonders der weiblichen Personen –
durch solches Examen gröblich zu verletzen. Seine ungeschickte Hand kann nur Familienglück
zerstören, bei jugendlichen Personen die Unschuld beleidigen und der Autorität der Eltern
vorgreifen; bei Erwachsenen wird er unbequeme Mitwisserschaft erwerben und sein eigenes
Verhältnis zu seinen Kranken zerstören. Es sei also seine ethische Pflicht, der ganzen sexuellen
Angelegenheit fernezubleiben.
Man darf wohl antworten: Das ist die Äußerung einer des Arztes unwürdigen Prüderie, die mit
schlechten Argumenten ihre Blöße mangelhaft verdeckt. Wenn Momente aus dem Sexualleben
wirklich als Krankheitsursachen zu erkennen sind, so fällt die Ermittlung und Besprechung dieser
Momente eben hiedurch ohne weiteres Bedenken in den Pflichtenkreis des Arztes. Die
Verletzung der Schamhaftigkeit, die er sich dabei zuschulden kommen läßt, ist keine andere und
keine ärgere, sollte man meinen, als wenn er, um eine örtliche Affektion zu heilen, auf der
Inspektion der weiblichen Genitalien besteht, zu welcher Forderung ihn die Schule selbst
verpflichtet. Von älteren Frauen, die ihre Jugendjahre in der Provinz zugebracht haben, hört man
oft noch erzählen, daß sie einst durch übermäßige Genitalblutungen bis zur Erschöpfung
heruntergekommen waren, weil sie sich nicht entschließen konnten, einem Arzt den Anblick ihrer
Nacktheit zu gestatten. Der erziehliche Einfluß, der von den Ärzten auf das Publikum geübt wird,
hat es im Lauf einer Generation dahin gebracht, daß bei unseren jungen Frauen solches Sträuben
nur höchst selten vorkommt. Wo es sich träfe, würde es als unverständige Prüderie, als Scham am
unrechten Orte verdammt werden. Leben wir denn in der Türkei, würde der Ehemann fragen, wo
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin