Page - 1126 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1126 -
Text of the Page - 1126 -
Drucke eines als schändlich empfundenen Geheimnisses erhält. Der Arzt, der nicht gewohnt ist,
Neurasthenie in Masturbation zu übersetzen, gibt sich für den Krankheitszustand Rechenschaft,
indem er sich auf ein Schlagwort wie Anämie, Unterernährung, Überarbeitung usw. bezieht, und
erwartet nun bei Anwendung der dagegen ausgearbeiteten Therapie die Heilung seines Kranken.
Zu seinem Erstaunen wechseln aber beim Kranken Zeiten von Besserung mit anderen ab, in
denen unter schwerer Verstimmung alle Symptome sich verschlimmern. Der Ausgang einer
solchen Behandlung ist im allgemeinen zweifelhaft. Wüßte der Arzt, daß der Kranke die ganze
Zeit über mit seiner sexuellen Angewöhnung kämpft, daß er in Verzweiflung verfallen ist, weil er
ihr wieder einmal unterliegen mußte, verstünde er, dem Kranken sein Geheimnis abzunehmen,
dessen Schwere in seinen Augen zu entwerten und ihn bei seinem Abgewöhnungskampfe zu
unterstützen, so würde der Erfolg der therapeutischen Bemühung hiedurch wohl gesichert.
Die Abgewöhnung der Masturbation ist nur eine der neuen therapeutischen Aufgaben, welche
dem Arzte aus der Berücksichtigung der sexuellen Ätiologie erwachsen, und diese Aufgabe
gerade scheint wie jede andere Abgewöhnung nur in einer Krankenanstalt und unter beständiger
Aufsicht des Arztes lösbar. Sich selbst überlassen, pflegt der Masturbant bei jeder verstimmenden
Einwirkung auf die ihm bequeme Befriedigung zurückzugreifen. Die ärztliche Behandlung kann
sich hier kein anderes Ziel stecken, als den wieder gekräftigten Neurastheniker dem normalen
Geschlechtsverkehre zuzuführen, denn das einmal geweckte und durch eine geraume Zeit
befriedigte Sexualbedürfnis läßt sich nicht mehr zum Schweigen bringen, sondern bloß auf einen
anderen Weg verschieben. Eine ganz analoge Bemerkung gilt übrigens auch für alle anderen
Abstinenzkuren, die so lange nur scheinbar gelingen werden, solange sich der Arzt damit
begnügt, dem Kranken das narkotische Mittel zu entziehen, ohne sich um die Quelle zu
kümmern, aus welcher das imperative Bedürfnis nach einem solchen entspringt. »Gewöhnung«
ist eine bloße Redensart ohne aufklärenden Wert; nicht jedermann, der eine Zeitlang Morphium,
Kokain, Chloralhydrat u. dgl. zu nehmen Gelegenheit hat, erwirbt hiedurch die »Sucht« nach
diesen Dingen. Genauere Untersuchung weist in der Regel nach, daß diese Narkotika zum
Ersatze – direkt oder auf Umwegen – des mangelnden Sexualgenusses bestimmt sind, und wo
sich normales Sexualleben nicht mehr herstellen läßt, da darf man den Rückfall des Entwöhnten
mit Sicherheit erwarten.
Die andere Aufgabe wird dem Arzte durch die Ätiologie der Angstneurose gestellt und besteht
darin, den Kranken zum Verlassen aller schädlichen Arten des Sexualverkehrs und zur Aufnahme
normaler sexueller Beziehungen zu veranlassen. Wie begreiflich, fällt diese Pflicht vor allem dem
ärztlichen Vertrauensmanne des Kranken, dem Hausarzte, zu, der seine Klienten schwer schädigt,
wenn er sich zu vornehm hält, um in diese Sphäre einzugreifen.
Da es sich hiebei zumeist um Ehepaare handelt, stößt das Bemühen des Arztes alsbald mit den
malthusianischen Tendenzen, die Anzahl der Konzeptionen in der Ehe einzuschränken,
zusammen. Es scheint mir unzweifelhaft, daß diese Vorsätze in unserem Mittelstande immer
mehr an Ausbreitung gewinnen; ich bin Ehepaaren begegnet, die schon nach dem ersten Kinde
die Verhütung der Konzeption durchzuführen begannen, und anderen, deren sexueller Verkehr
von der Hochzeitsnacht an diesem Vorsatze Rechnung tragen wollte. Das Problem des
Malthusianismus ist weitläufig und kompliziert; ich habe nicht die Absicht, es hier erschöpfend
zu behandeln, wie es für die Therapie der Neurosen eigentlich erforderlich wäre. Ich gedenke nur
zu erörtern, welche Stellung der Arzt, der die sexuelle Ätiologie der Neurosen anerkennt, zu
diesem Problem am besten einnehmen kann.
1126
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin