Page - 1130 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1130 -
Text of the Page - 1130 -
sich, ähnlich wie ich, genug intensiv damit beschäftigt haben, um es selbständig auffinden zu
können. Die Bemerkungen in den Studien über Hysterie sind vollkommen unzureichend, um
einem Leser die Beherrschung dieser Technik zu ermöglichen, streben solche vollständige
Unterweisung auch keineswegs an.
Die psychoanalytische Therapie ist derzeit nicht allgemein anwendbar; ich kenne für sie folgende
Einschränkungen: Sie erfordert ein gewisses Maß von Reife und Einsicht beim Kranken, taugt
daher nicht für kindliche Personen oder für erwachsene Schwachsinnige und Ungebildete. Sie
scheitert bei allzu betagten Personen daran, daß sie bei ihnen, dem angehäuften Material
entsprechend, allzuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, so daß man bis zur Beendigung der Kur
in einen Lebensabschnitt geraten würde, für welchen auf nervöse Gesundheit nicht mehr Wert
gelegt wird. Endlich ist sie nur dann möglich, wenn der Kranke einen psychischen
Normalzustand hat, von dem aus sich das pathologische Material bewältigen läßt. Während einer
hysterischen Verworrenheit, einer eingeschalteten Manie oder Melancholie ist mit den Mitteln
der Psychoanalyse nichts zu leisten. Man kann solche Fälle dem Verfahren noch unterziehen,
nachdem man mit den gewöhnlichen Maßregeln die Beruhigung der stürmischen Erscheinungen
herbeigeführt hat. In der Praxis werden überhaupt die chronischen Fälle von Psychoneurosen
besser der Methode standhalten als die Fälle von akuten Krisen, bei denen das Hauptgewicht
naturgemäß auf die Raschheit der Erledigung fällt. Daher geben auch die hysterischen Phobien
und die verschiedenen Formen der Zwangsneurose das günstigste Arbeitsgebiet für diese neue
Therapie.
Daß die Methode in diese Schranken gebannt ist, erklärt sich zum guten Teil aus den
Verhältnissen, unter denen ich sie ausarbeiten mußte. Mein Material sind eben chronisch Nervöse
der gebildeteren Stände. Ich halte es für sehr wohl möglich, daß sich ergänzende Verfahren für
kindliche Personen und für das Publikum, welches in den Spitälern Hilfe sucht, ausbilden lassen.
Ich muß auch anführen, daß ich meine Therapie bisher ausschließlich an schweren Fällen von
Hysterie und Zwangsneurose erprobt habe; wie es sich bei jenen leichten Erkrankungsfällen
gestalten würde, die man bei einer indifferenten Behandlung von wenigen Monaten in wenigstens
scheinbare Genesung ausgehen sieht, weiß ich nicht anzugeben. Wie begreiflich, durfte eine neue
Therapie, die vielfache Opfer erfordert, nur auf solche Kranke rechnen, die bereits die
anerkannten Heilmethoden ohne Erfolg versucht hatten oder deren Zustände den Schluß
berechtigten, sie hätten von diesen angeblich bequemeren und kürzeren Heilverfahren nichts zu
erwarten. So mußte ich mit einem unvollkommenen Instrumente sogleich die schwersten
Aufgaben in Angriff nehmen; die Probe ist um so beweiskräftiger ausgefallen.
Die wesentlichen Schwierigkeiten, die sich jetzt noch der psychoanalytischen Heilmethode
entgegensetzen, liegen nicht an ihr selbst, sondern in dem Mangel an Verständnis für das Wesen
der Psychoneurosen bei Ärzten und Laien. Es ist nur das notwendige Korrelat zu dieser vollen
Unwissenheit, wenn sich die Ärzte für berechtigt halten, den Kranken durch die unzutreffendsten
Versicherungen zu trösten oder zu therapeutischen Maßnahmen zu veranlassen. »Kommen Sie
für sechs Wochen in meine Anstalt, und Sie werden Ihre Symptome (Reiseangst,
Zwangsvorstellungen usw.) verloren haben.« Tatsächlich ist die Anstalt unentbehrlich für die
Beruhigung akuter Zufälle im Verlaufe einer Psychoneurose durch Ablenkung, Pflege und
Schonung; zur Beseitigung chronischer Zustände leistet sie – nichts, und zwar die vornehmen,
angeblich wissenschaftlich geleiteten Sanatorien ebensowenig wie die gemeinen
Wasserheilanstalten.
1130
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin