Page - 1131 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Es wäre würdiger und dem Kranken, der sich doch schließlich mit seinen Beschwerden abfinden
muß, zuträglicher, wenn der Arzt die Wahrheit sprechen würde, wie er sie alle Tage kennenlernt:
Die Psychoneurosen sind als Genus keineswegs leichte Erkrankungen. Wenn eine Hysterie
anfängt, kann niemand vorher wissen, wann sie ein Ende nehmen wird. Man tröstet sich meist
vergeblich mit der Prophezeiung: Eines Tages wird sie plötzlich vorüber sein. Die Heilung
erweist sich häufig genug als ein bloßes Übereinkommen zur gegenseitigen Duldung zwischen
dem Gesunden und dem Kranken im Patienten oder erfolgt auf dem Wege der Umwandlung
eines Symptoms in eine Phobie. Die mühsam beschwichtigte Hysterie des Mädchens lebt nach
kurzer Unterbrechung durch das junge Eheglück in der Hysterie der Ehefrau wieder auf, nur daß
jetzt eine andere Person als früher, der Ehemann, durch sein Interesse veranlaßt wird, über den
Erkrankungsfall zu schweigen. Wo es nicht zu manifester Existenzunfähigkeit infolge von
Krankheit kommt, da fehlt doch fast nie die Einbuße an aller freien Entfaltung der Seelenkräfte.
Zwangsvorstellungen kehren das ganze Leben hindurch wieder; Phobien und andere
Willenseinschränkungen sind für jede Therapie bisher unbeeinflußbar gewesen. Das alles wird
dem Laien vorenthalten, und darum ist der Vater einer hysterischen Tochter entsetzt, wenn er
z. B. einer einjährigen Behandlung seines Kindes zustimmen soll, wo doch die Krankheit etwa
erst einige Monate gedauert hat. Der Laie ist sozusagen von der Überflüssigkeit all dieser
Psychoneurosen tief innerlich überzeugt, er bringt darum dem Krankheitsverlaufe keine Geduld
und der Therapie keine Opferbereitschaft entgegen. Wenn er sich angesichts eines Typhus, der
drei Wochen anhält, eines Beinbruches, der zur Heilung sechs Monate beansprucht, verständiger
benimmt, wenn ihm die Fortsetzung orthopädischer Maßnahmen durch mehrere Jahre einsichtlich
erscheint, sobald sich die ersten Spuren einer Rückgratsverkrümmung bei seinem Kinde zeigen,
so rührt dieser Unterschied von dem besseren Verständnis der Ärzte her, die ihr Wissen in
ehrlicher Mitteilung dem Laien übertragen. Die Aufrichtigkeit der Ärzte und die Gefügigkeit der
Laien wird sich auch für die Psychoneurosen herstellen, wenn erst die Einsicht in das Wesen
dieser Affektionen ärztliches Gemeingut geworden ist. Die psychotherapeutische
Radikalbehandlung derselben wird wohl immer eine besondere Schulung erfordern und mit der
Ausübung anderer ärztlicher Tätigkeit unverträglich sein. Dafür winkt dieser, in der Zukunft
wohl zahlreichen Klasse von Ärzten Gelegenheit zu rühmlichen Leistungen und einer
befriedigenden Einsicht in das Seelenleben der Menschen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin