Page - 1136 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Beurteilung der Inversion den mächtigsten Einfluß[7].
Angeborensein. Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, extremste Klasse der
Invertierten behauptet worden, und zwar auf Grund der Versicherung dieser Personen, daß sich
bei ihnen zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes gezeigt habe. Schon
das Vorkommen der beiden anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung
eines angeborenen Charakters zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die
Gruppe der absolut Invertierten von allen anderen abzulösen, was den Verzicht auf eine
allgemein gültige Auffassung der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre demnach in einer
Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen könnte sie auf andere Art entstanden
sein.
Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die Inversion ein erworbener
Charakter des Geschlechtstriebes sei. Sie stützt sich darauf, daß
(1) bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben einwirkender sexueller Eindruck
nachweisbar ist, als dessen fortdauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt,
(2) daß bei vielen anderen sich die äußeren begünstigenden und hemmenden Einflüsse des
Lebens aufzeigen lassen, die zu einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion
geführt haben (ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege,
Detention in Gefängnissen, Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zölibat, geschlechtliche
Schwäche usw.),
(3) daß die Inversion durch hypnotische Suggestion aufgehoben werden kann, was bei einem
angeborenen Charakter wundernehmen würde.
Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit des Vorkommens einer
angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. Man kann einwenden (Havelock Ellis), daß ein
genaueres Examen der für angeborene Inversion in Anspruch genommenen Fälle wahrscheinlich
gleichfalls ein für die Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage
fördern würde, welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt worden ist, aber
durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung gebracht werden könnte. Die Inversion könnte
man nach diesen Autoren nur als eine häufige Variation des Geschlechtstriebes bezeichnen, die
durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände bestimmt werden kann.
Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegenbemerkung ein Ende, daß
nachweisbar viele Personen die nämlichen sexuellen Beeinflussungen (auch in früher Jugend:
Verführung, mutuelle Onanie) erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden oder dauernd so zu
bleiben. So wird man zur Vermutung gedrängt, daß die Alternative angeboren–erworben
entweder unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhältnisse nicht deckt.
Erklärung der Inversion. Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der
anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt. Im ersten Falle muß man sich
äußern, was an ihr angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten Erklärung anschließt, daß
eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit einem bestimmten Sexualobjekt angeboren
mitbringt. Im anderen Falle fragt es sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse
hinreichen, die Erwerbung zu erklären, ohne daß ihnen etwas an dem Individuum
entgegenkommen müsse. Die Verneinung dieses letzten Momentes ist nach unseren früheren
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin