Page - 1137 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ausführungen unstatthaft.
Heranziehung der Bisexualität. Zur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist seit
Frank Lydston, Kiernan und Chevalier eine Gedankenreihe herangezogen worden, welche einen
neuen Widerspruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser gilt ein Mensch entweder als
Mann oder als Weib. Die Wissenschaft kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere
verwischt erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird; zunächst auf
anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen vereinigen männliche und weibliche
Charaktere (Hermaphroditismus). In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei
Geschlechtsapparate ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist findet man
beiderseitige Verkümmerung[8].
Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in unerwarteter Weise das Verständnis
der normalen Bildung erleichtern. Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus
gehört nämlich der Norm an; bei keinem normal gebildeten männlichen oder weiblichen
Individuum werden die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder
funktionslos als rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme anderer Funktionen
umgebildet worden sind.
Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen Tatsachen ergibt, ist die einer
ursprünglich bisexuellen Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität
mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechtes verändert.
Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu übertragen und die Inversion in ihren
Abarten als Ausdruck eines psychischen Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu
entscheiden, bedurfte es nur noch eines regelmäßigen Zusammentreffens der Inversion mit den
seelischen und somatischen Zeichen des Hermaphroditismus.
Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man sich die Beziehungen zwischen
dem angenommenen psychischen und dem nachweisbaren anatomischen Zwittertum nicht
vorstellen. Was man bei den Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung des
Geschlechtstriebes überhaupt (Havelock Ellis) und leichte anatomische Verkümmerung der
Organe. Häufig, aber keineswegs regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß man
erkennen, daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen unabhängig voneinander
sind.
Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere
gelegt und deren gehäuftes Vorkommen bei den Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran ist
vieles zutreffend, aber man darf nicht vergessen, daß die sekundären und tertiären
Geschlechtscharaktere überhaupt recht häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so
Andeutungen von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich im Sinne einer
Inversion abgeändert zeigte.
Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit gewinnen, wenn mit der Inversion
des Sexualobjektes wenigstens ein Umschlag der sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und
Charakterzüge in die fürs andere Geschlecht bezeichnende Abänderung parallelliefe. Allein eine
solche Charakterinversion darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten Frauen
erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männlichkeit mit der Inversion vereinbar. Hält
man an der Aufstellung eines seelischen Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen, daß
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin