Page - 1138 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dessen Äußerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur geringe gegenseitige Bedingtheit
erkennen lassen. Das gleiche gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum; nach Halban[9]
sind auch die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären Geschlechtscharaktere in ihrem
Auftreten ziemlich unabhängig voneinander.
Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem Wortführer der männlichen
Invertierten ausgesprochen worden: weibliches Gehirn im männlichen Körper. Allein wir kennen
die Charaktere eines »weiblichen Gehirns« nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems
durch das anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch
v. Krafft-Ebings scheint exakter gefaßt als der Ulrichs’, ist aber im Wesen von ihm nicht
verschieden; v. Krafft-Ebing meint, daß die bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso männliche
und weibliche Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren
entwickeln sich erst zur Zeit der Pubertät, zumeist unter dem Einflüsse der von ihnen in der
Anlage unabhängigen Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen »Zentren« gilt aber
dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn, und nebenbei wissen wir nicht einmal, ob
wir für die Geschlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen (»Zentren«) wie etwa für die
Sprache annehmen dürfen[10].
Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin bestehen: daß auch für die
Inversion eine bisexuelle Veranlagung in Betracht kommt, nur daß wir nicht wissen, worin diese
Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus besteht, und daß es sich um Störungen handelt,
welche den Geschlechtstrieb in seiner Entwicklung betreffen.
Sexualobjekt der Invertierten. Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, daß
das Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegengesetzte sei. Der invertierte Mann
unterliege wie das Weib dem Zauber, der von den männlichen Eigenschaften des Körpers und der
Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib und suche den Mann.
Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten zutrifft, so ist es doch weit entfernt,
einen allgemeinen Charakter der Inversion zu verraten. Es ist kein Zweifel, daß ein großer Teil
der männlichen Invertierten den psychischen Charakter der Männlichkeit bewahrt hat,
verhältnismäßig wenig sekundäre Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in
seinem Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre dies anders, so bliebe es
unverständlich, wozu die männliche Prostitution, die sich den Invertierten anbietet – heute wie im
Altertum –, in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung die Weiber kopiert; diese
Nachahmung müßte ja sonst das Ideal der Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die
männlichsten Männer unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht der männliche
Charakter des Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib sowie seine
weiblichen seelischen Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und
Hilfsbedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe ein Mann wurde, hörte
er auf, ein Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das
Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht,
sondern die Vereinigung beider Geschlechtscharaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer
Regung, die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit der festgehaltenen
Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der Genitalien), sozusagen die Spiegelung der eigenen
bisexuellen Natur[11].
Eindeutiger sind die Verhältnisse beim Weibe, wo die aktiv Invertierten besonders häufig
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin