Page - 1139 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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somatische und seelische Charaktere des Mannes an sich tragen und das Weibliche von ihrem
Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch hier sich bei näherer Kenntnis größere Buntheit
herausstellen dürfte.
Sexualziel der Invertierten. Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel bei der
Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. Bei Männern fällt Verkehr per anum
durchaus nicht mit Inversion zusammen; Masturbation ist ebenso häufig das ausschließliche Ziel,
und Einschränkungen des Sexualzieles – bis zur bloßen Gefühlsergießung – sind hier sogar
häufiger als bei der heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der Invertierten
mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit der Mundschleimhaut bevorzugt.
Schlußfolgerung. Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion aus dem bisher
vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, können aber merken, daß wir bei dieser
Untersuchung zu einer Einsicht gelangt sind, die uns bedeutsamer werden kann als die Lösung
der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam gemacht, daß wir uns die Verknüpfung des
Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an den
für abnorm gehaltenen Fällen lehrt uns, daß hier zwischen Sexualtrieb und Sexualobjekt eine
Verlötung vorliegt, die wir bei der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das
Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir werden so angewiesen, die
Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in unseren Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb
ist wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und verdankt wohl auch nicht den
Reizen desselben seine Entstehung.
(B) Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte
Während die Personen, deren Sexualobjekte nicht dem normalerweise dazu geeigneten
Geschlechte angehören, die Invertierten also, dem Beobachter als eine gesammelte Anzahl von
sonst vielleicht vollwertigen Individuen entgegentreten, erscheinen die Fälle, in denen
geschlechtsunreife Personen (Kinder) zu Sexualobjekten erkoren werden, von vornherein als
vereinzelte Verirrungen. Nur ausnahmsweise sind Kinder die ausschließlichen Sexualobjekte;
zumeist gelangen sie zu dieser Rolle, wenn ein feige und impotent gewordenes Individuum sich
zu solchem Surrogat versteht oder ein impulsiver (unaufschiebbarer) Trieb sich zur Zeit keines
geeigneteren Objektes bemächtigen kann. Immerhin wirft es ein Licht auf die Natur des
Geschlechtstriebes, daß er so viel Variation und solche Herabsetzung seines Objektes zuläßt, was
der Hunger, der sein Objekt weit energischer festhält, nur im äußersten Falle gestatten würde.
Eine ähnliche Bemerkung gilt für den besonders unter dem Landvolke gar nicht seltenen
sexuellen Verkehr mit Tieren, wobei sich etwa die Geschlechtsanziehung über die Artschranke
hinwegsetzt.
Aus ästhetischen Gründen möchte man gern diese wie andere schwere Verirrungen des
Geschlechtstriebes den Geisteskranken zuweisen, aber dies geht nicht an. Die Erfahrung lehrt,
daß man bei diesen letzteren keine anderen Störungen des Geschlechtstriebes beobachtet als bei
Gesunden, ganzen Rassen und Ständen. So findet sich sexueller Mißbrauch von Kindern mit
unheimlicher Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen die beste
Gelegenheit dazu bietet. Die Geisteskranken zeigen die betreffende Verirrung nur etwa gesteigert
oder, was besonders bedeutsam ist, zur Ausschließlichkeit erhoben und an Stelle der normalen
Sexualbefriedigung gerückt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin