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Partialtriebe und erogene Zonen
Halten wir zusammen, was wir aus der Untersuchung der positiven und der negativen
Perversionen erfahren haben, so liegt es nahe, dieselben auf eine Reihe von »Partialtrieben«
zurückzuführen, die aber nichts Primäres sind, sondern eine weitere Zerlegung zulassen. Unter
einem »Trieb« können wir zunächst nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz
einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unterschiede vom »Reiz«, der
durch vereinzelte und von außen kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb ist so einer der
Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom Körperlichen. Die einfachste und nächstliegende
Annahme über die Natur der Triebe wäre, daß sie an sich keine Qualität besitzen, sondern nur als
Maße von Arbeitsanforderung für das Seelenleben in Betracht kommen. Was die Triebe
voneinander unterscheidet und mit spezifischen Eigenschaften ausstattet, ist deren Beziehung zu
ihren somatischen Quellen und ihren Zielen. Die Quelle des Triebes ist ein erregender Vorgang in
einem Organ, und das nächste Ziel des Triebes liegt in der Aufhebung dieses Organreizes[33].
Eine weitere vorläufige Annahme in der Trieblehre, welcher wir uns nicht entziehen können,
besagt, daß von den Körperorganen Erregungen von zweierlei Art geliefert werden, die in
Differenzen chemischer Natur begründet sind. Die eine dieser Arten von Erregung bezeichnen
wir als die spezifisch sexuelle und das betreffende Organ als die »erogene Zone« des von ihm
ausgehenden sexuellen Partialtriebes[34].
Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und Afteröffnung sexuelle Bedeutung in
Anspruch nehmen, ist die Rolle der erogenen Zone ohneweiters ersichtlich. Dieselbe benimmt
sich in jeder Hinsicht wie ein Stück des Geschlechtsapparates. Bei der Hysterie werden diese
Körperstellen und die von ihnen ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz ähnlicher Weise der Sitz
von neuen Sensationen und Innervationsänderungen – ja von Vorgängen, die man der Erektion
vergleichen kann – wie die eigentlichen Genitalien unter den Erregungen der normalen
Geschlechtsvorgänge.
Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate und Surrogate der Genitalien tritt unter
den Psychoneurosen bei der Hysterie am deutlichsten hervor, womit aber nicht behauptet werden
soll, daß sie für die anderen Erkrankungsformen geringer einzuschätzen ist. Sie ist hier nur
unkenntlicher, weil sich bei diesen (Zwangsneurose, Paranoia) die Symptombildung in Regionen
des seelischen Apparates vollzieht, die weiter ab von den einzelnen Zentralstellen für die
Körperbeherrschung liegen. Bei der Zwangsneurose ist die Bedeutung der Impulse, welche neue
Sexualziele schaffen und von erogenen Zonen unabhängig erscheinen, das Auffälligere. Doch
entspricht bei der Schau- und Exhibitionslust das Auge einer erogenen Zone, bei der Schmerz-
und Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes ist es die Haut, welche die gleiche Rolle
übernimmt, die Haut, die sich an besonderen Körperstellen zu Sinnesorganen differenziert und
zur Schleimhaut modifiziert hat, also die erogene Zone κατ’ εξοχήν[35].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin