Page - 1154 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Verweis auf den Infantilismus der Sexualität
Durch den Nachweis der perversen Regungen als Symptombildner bei den Psychoneurosen
haben wir die Anzahl der Menschen, die man den Perversen zurechnen könnte, in ganz
außerordentlicher Weise gesteigert. Nicht nur, daß die Neurotiker selbst eine sehr zahlreiche
Menschenklasse darstellen, es ist auch in Betracht zu ziehen, daß die Neurosen von allen ihren
Ausbildungen her in lückenlosen Reihen zur Gesundheit abklingen; hat doch Moebius mit guter
Berechtigung sagen können: wir sind alle ein wenig hysterisch. Somit werden wir durch die
außerordentliche Verbreitung der Perversionen zu der Annahme gedrängt, daß auch die Anlage
zu den Perversionen keine seltene Besonderheit, sondern ein Stück der für normal geltenden
Konstitution sein müsse.
Wir haben gehört, daß es strittig ist, ob die Perversionen auf angeborene Bedingungen
zurückgehen oder durch zufällige Erlebnisse entstehen, wie es Binet für den Fetischismus
angenommen hat. Nun bietet sich uns die Entscheidung, daß den Perversionen allerdings etwas
Angeborenes zugrunde liegt, aber etwas, was allen Menschen angeboren ist, als Anlage in seiner
Intensität schwanken mag und der Hervorhebung durch Lebenseinflüsse wartet. Es handelt sich
um angeborene, in der Konstitution gegebene Wurzeln des Sexualtriebes, die sich in der einen
Reihe von Fällen zu den wirklichen Trägern der Sexualtätigkeit entwickeln (Perverse), andere
Male eine ungenügende Unterdrückung (Verdrängung) erfahren, so daß sie auf einem Umweg als
Krankheitssymptome einen beträchtlichen Teil der sexuellen Energie an sich ziehen können,
während sie in den günstigsten Fällen zwischen beiden Extremen durch wirksame Einschränkung
und sonstige Verarbeitung das sogenannte normale Sexualleben entstehen lassen.
Wir werden uns aber ferner sagen, daß die angenommene Konstitution, welche die Keime zu
allen Perversionen aufweist, nur beim Kinde aufzeigbar sein wird, wenngleich bei ihm alle Triebe
nur in bescheidenen Intensitäten auftreten können. Ahnt uns so die Formel, daß die Neurotiker
den infantilen Zustand ihrer Sexualität beibehalten haben oder auf ihn zurückversetzt worden
sind, so wird sich unser Interesse dem Sexualleben des Kindes zuwenden, und wir werden das
Spiel der Einflüsse verfolgen wollen, die den Entwicklungsprozeß der kindlichen Sexualität bis
zum Ausgang in Perversion, Neurose oder normales Geschlechtsleben beherrschen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin