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II Die infantile Sexualität
Vernachlässigung des Infantilen. Es ist ein Stück der populären Meinung über den
Geschlechtstrieb, daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät bezeichneten
Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer
Irrtum, da er hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden Verhältnisse des
Sexuallebens verschuldet. Ein gründliches Studium der Sexualäußerungen in der Kindheit würde
uns wahrscheinlich die wesentlichen Züge des Geschlechtstriebes aufdecken, seine Entwicklung
verraten und seine Zusammensetzung aus verschiedenen Quellen zeigen.
Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der Erklärung der Eigenschaften und
Reaktionen des erwachsenen Individuums beschäftigen, jener Vorzeit, welche durch die
Lebensdauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, also der
Erblichkeit so viel mehr Einfluß zugesprochen haben als der anderen Vorzeit, welche bereits in
die individuelle Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man sollte doch meinen, der
Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu verstehen und hätte ein Anrecht, vor dem der
Erblichkeit berücksichtigt zu werden[36]. Man findet zwar in der Literatur gelegentliche Notizen
über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen Kindern, über Erektionen, Masturbation und selbst
koitusähnliche Vornahmen, aber immer nur als ausnahmsweise Vorgänge, als Kuriosa oder als
abschreckende Beispiele voreiliger Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat meines Wissens die
Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar erkannt, und in den zahlreich
gewordenen Schriften über die Entwicklung des Kindes wird das Kapitel »Sexuelle
Entwicklung« meist übergangen[37].
Infantile Amnesie. Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich zum Teil in
den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren infolge ihrer eigenen Erziehung Rechnung
tragen, zum anderen Teil in einem psychischen Phänomen, welches sich bis jetzt selbst der
Erklärung entzogen hat. Ich meine hiemit die eigentümliche Amnesie, welche den meisten
Menschen (nicht allen!) die ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahre verhüllt.
Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns über die Tatsache dieser Amnesie zu verwundern;
aber wir hätten guten Grund dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen Jahren, von denen
wir später nichts im Gedächtnis behalten haben als einige unverständliche Erinnerungsbrocken,
lebhaft auf Eindrücke reagiert hätten, daß wir Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu
äußern verstanden, Liebe, Eifersucht und andere Leidenschaften gezeigt, die uns damals heftig
bewegten, ja daß wir Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute Beweise für Einsicht
und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. Und von alledem wissen wir als Erwachsene
aus eigenem nichts. Warum bleibt unser Gedächtnis so sehr hinter unseren anderen seelischen
Tätigkeiten zurück? Wir haben doch Grund zu glauben, daß es zu keiner anderen Lebenszeit
aufnahms- und reproduktionsfähiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit[38].
Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können uns durch psychologische
Untersuchung an anderen davon überzeugen, daß die nämlichen Eindrücke, die wir vergessen
haben, nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in unserem Seelenleben hinterlassen haben und
bestimmend für unsere ganze spätere Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar
keinen wirklichen Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern um eine Amnesie ähnlich
jener, die wir bei den Neurotikern für spätere Erlebnisse beobachten und deren Wesen in einer
bloßen Abhaltung vom Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber welche Kräfte bringen diese
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin