Page - 1157 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen
Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regelwidrigen und ausnahmsartigen
sexuellen Regungen in der Kindheit sowie die Aufdeckung der bis dahin unbewußten
Kindheitserinnerungen der Neurotiker gestatten etwa folgendes Bild von dem sexuellen
Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen[40]:
Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen Regungen mitbringt, die sich eine
Zeitlang weiterentwickeln, dann aber einer fortschreitenden Unterdrückung unterliegen, welche
selbst wieder durch regelrechte Vorstöße der Sexualentwicklung durchbrochen und durch
individuelle Eigenheiten aufgehalten werden kann. Über die Gesetzmäßigkeit und die Periodizität
dieses oszillierenden Entwicklungsganges ist nichts Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß das
Sexualleben der Kinder sich zumeist um das dritte oder vierte Lebensjahr in einer der
Beobachtung zugänglichen Form zum Ausdruck bringt[41].
Die Sexual-hemmungen. Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz werden die
seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den Weg treten und
gleichwie Dämme seine Richtung beengen werden (der Ekel, das Schamgefühl, die ästhetischen
und moralischen Idealanforderungen). Man gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, daß der
Aufbau dieser Dämme ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In
Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch bedingte, hereditär fixierte und kann sich
gelegentlich ganz ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durchaus in
dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf einschränkt, das organisch
Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwas sauberer und tiefer auszuprägen.
Reaktionsbildung und Sublimierung. Mit welchen Mitteln werden diese für die spätere
persönliche Kultur und Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt? Wahrscheinlich
auf Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, deren Zufluß also auch in dieser Latenzperiode
nicht aufgehört hat, deren Energie aber – ganz oder zum größten Teil – von der sexuellen
Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zugeführt wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig
in der Annahme, daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und
Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige
Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden. Wir würden also hinzufügen,
daß der nämliche Prozeß in der Entwicklung des einzelnen Individuums spielt, und seinen Beginn
in die sexuelle Latenzperiode der Kindheit verlegen[42].
Auch über den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann man eine Vermutung wagen. Die
sexuellen Regungen dieser Kinderjahre wären einerseits unverwendbar, da die
Fortpflanzungsfunktionen aufgeschoben sind, was den Hauptcharakter der Latenzperiode
ausmacht, andererseits wären sie an sich pervers, das heißt von erogenen Zonen ausgehend und
von Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung des Individuums nur
Unlustempfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische Gegenkräfte
(Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unterdrückung solcher Unlust die erwähnten
psychischen Dämme: Ekel, Scham und Moral, aufbauen[43].
Durchbrüche der Latenzzeit. Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte
Klarheit unserer Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- oder Aufschubsperiode zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin