Page - 1160 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln
in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch für den Ausdruck der
sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend bleibt. Nun wird das Bedürfnis nach
Wiederholung der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme getrennt,
eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn die Zähne erscheinen und die Nahrung nicht mehr
ausschließlich eingesogen, sondern gekaut wird. Eines fremden Objektes bedient sich das Kind
zum Saugen nicht, sondern lieber einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es
sich so von der Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch nicht vermag, und weil
es sich solcherart gleichsam eine zweite, wenngleich minderwertige erogene Zone schafft. Die
Minderwertigkeit dieser zweiten Stelle wird es später mit dazu veranlassen, die gleichartigen
Teile, die Lippen, einer anderen Person zu suchen. (»Schade, daß ich mich nicht küssen kann«,
möchte man ihm unterlegen.)
Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder dazu gelangen, bei denen die
erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden
diese Kinder als Erwachsene Kußfeinschmecker werden, zu perversen Küssen neigen oder als
Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt aber die Verdrängung
hinzu, so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und hysterisches Erbrechen produzieren.
Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb
übergreifen. Viele meiner Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus, Schnüren im Hals
und Erbrechen waren in den Kinderjahren energische Ludlerinnen gewesen.
Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei wesentlichen Charaktere einer
infantilen Sexualäußerung bemerken können. Dieselbe entsteht in Anlehnung an eine der
lebenswichtigen Körperfunktionen, sie kennt noch kein Sexualobjekt, ist autoerotisch, und ihr
Sexualziel steht unter der Herrschaft einer erogenen Zone. Nehmen wir vorweg, daß diese
Charaktere auch für die meisten anderen Betätigungen der infantilen Sexualtriebe gelten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin