Page - 1161 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Das Sexualziel der infantilen Sexualität
Charaktere erogener Zonen. Aus dem Beispiel des Ludelns ist zur Kennzeichnung einer erogenen
Zone noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- oder Schleimhautstelle, an der Reizungen
von gewisser Art eine Lustempfindung von bestimmter Qualität hervorrufen. Es ist kein Zweifel,
daß die lusterzeugenden Reize an besondere Bedingungen gebunden sind; wir kennen dieselben
nicht. Der rhythmische Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie mit dem
Kitzelreiz drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, ob man den Charakter der durch den
Reiz hervorgerufenen Lustempfindung als einen »besonderen« bezeichnen darf, wo in dieser
Besonderheit eben das sexuelle Moment enthalten wäre. In Sachen der Lust und Unlust tappt die
Psychologie noch so sehr im dunkeln, daß die vorsichtigste Annahme die empfehlenswerteste
sein wird. Wir werden später vielleicht auf Gründe stoßen, welche die Besonderheitsqualität der
Lustempfindung zu unterstützen scheinen.
Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in ausgezeichneter Weise anhaften. Es
gibt prädestinierte erogene Zonen, wie das Beispiel des Ludelns zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt
aber auch, daß jede beliebige andere Haut- und Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen
Zone auf sich nehmen kann, also eine gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die Qualität des
Reizes hat also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr zutun als die Beschaffenheit der
Körperstelle. Das ludelnde Kind sucht an seinem Körper herum und wählt sich irgendeine Stelle
zum Wonnesaugen aus, die ihm dann durch Gewöhnung die bevorzugte wird; wenn es zufällig
dabei auf eine der prädestinierten Stellen stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich
dieser der Vorzug. Die ganz analoge Verschiebbarkeit kehrt dann in der Symptomatologie der
Hysterie wieder. Bei dieser Neurose betrifft die Verdrängung die eigentlichen Genitalzonen am
allermeisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen, sonst im reifen Leben
zurückgesetzten erogenen Zonen ab, die sich dann ganz wie Genitalien gebärden. Aber außerdem
kann ganz wie beim Ludeln jede beliebige andere Körperstelle mit der Erregbarkeit der
Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen
zeigen die nämlichen Charaktere[47].
Infantiles Sexualziel. Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die Befriedigung durch
die geeignete Reizung der so oder so gewählten erogenen Zone hervorzurufen. Diese
Befriedigung muß vorher erlebt worden sein, um ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung
zurückzulassen, und wir dürfen darauf vorbereitet sein, daß die Natur sichere Vorrichtungen
getroffen hat, um dieses Erleben der Befriedigung nicht dem Zufalle zu überlassen[48]. Die
Veranstaltung, welche diesen Zweck für die Lippenzone erfüllt, haben wir bereits kennengelernt,
es ist die gleichzeitige Verknüpfung dieser Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme. Andere
ähnliche Vorrichtungen werden uns noch als Quellen der Sexualität begegnen. Der Zustand des
Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung verrät sich durch zweierlei: durch ein
eigentümliches Spannungsgefühl, welches an sich mehr den Charakter der Unlust hat, und durch
eine zentral bedingte, in die peripherische erogene Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung.
Man kann das Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an, die projizierte
Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen äußeren Reiz zu ersetzen, welcher die
Reizempfindung aufhebt, indem er die Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser äußere
Reiz wird zumeist in einer Manipulation bestehen, die analog dem Saugen ist.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin