Page - 1163 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die masturbatorischen Sexualäußerungen[49]
Es kann uns nur höchst erfreulich sein zu finden, daß wir von der Sexualbetätigung des Kindes
nicht mehr viel Wichtiges zu lernen haben, nachdem uns der Trieb von einer einzigen erogenen
Zone her verständlich geworden ist. Die deutlichsten Unterschiede beziehen sich auf die zur
Befriedigung notwendige Vornahme, die für die Lippenzone im Saugen bestand und die je nach
Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch andere Muskelaktionen ersetzt werden muß.
Betätigung der Afterzone. Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage
geeignet, eine Anlehnung der Sexualität an andere Körperfunktionen zu vermitteln. Man muß
sich die erogene Bedeutung dieser Körperstelle als ursprünglich sehr groß vorstellen. Durch die
Psychoanalyse erfährt man dann nicht ohne Verwunderung, welche Umwandlungen mit den von
hier ausgehenden sexuellen Erregungen normalerweise vorgenommen werden und wie häufig der
Zone noch ein beträchtliches Stück genitaler Reizbarkeit fürs Leben verbleibt[50]. Die so häufigen
Darmstörungen der Kinderjahre sorgen dafür, daß es der Zone an intensiven Erregungen nicht
fehle. Darmkatarrhe im zartesten Alter machen »nervös«, wie man sich ausdrückt; bei späterer
neurotischer Erkrankung nehmen sie einen bestimmenden Einfluß auf den symptomatischen
Ausdruck der Neurose, welcher sie die ganze Summe von Darmstörungen zur Verfügung stellen.
Mit Hinblick auf die wenigstens in Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der
Darmausgangszone darf man auch die hämorrhoidalen Einflüsse nicht verlachen, denen die ältere
Medizin für die Erklärung neurotischer Zustände soviel Gewicht beigelegt hat.
Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, verraten sich dadurch, daß sie
die Stuhlmassen zurückhalten, bis dieselben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen
anregen und beim Durchgang durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausüben
können. Dabei muß wohl neben der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande kommen. Es
ist eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit oder Nervosität, wenn ein Säugling
sich hartnäckig weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es
dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen Belieben vorbehält. Es kommt ihm
natürlich nicht darauf an, sein Lager schmutzig zu machen; er sorgt nur, daß ihm der
Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht entgehe. Die Erzieher ahnen wiederum das Richtige,
wenn sie solche Kinder, die sich diese Verrichtungen »aufheben«, schlimm nennen.
Der Darminhalt, der als Reizkörper für eine sexuell empfindliche Schleimhautfläche sich wie der
Vorläufer eines anderen Organs benimmt, welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion treten
soll, hat für den Säugling noch andere wichtige Bedeutungen. Er wird offenbar wie ein
zugehöriger Körperteil behandelt, stellt das erste »Geschenk« dar, durch dessen Entäußerung die
Gefügigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz des kleinen Wesens gegen seine Umgebung
ausgedrückt werden kann. Vom »Geschenk« aus gewinnt er dann später die Bedeutung des
»Kindes«, das nach einer der infantilen Sexualtheorien durch Essen erworben und durch den
Darm geboren wird.
Die Zurückhaltung der Fäkalmassen, die also anfangs eine absichtliche ist, um sie zur gleichsam
masturbatorischen Reizung der Afterzone zu benützen oder in der Relation zu den
Pflegepersonen zu verwenden, ist übrigens eine der Wurzeln der bei den Neuropathen so
häufigen Obstipation. Die ganze Bedeutung der Afterzone spiegelt sich dann in der Tatsache, daß
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin