Page - 1166 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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indem er dem Kinde vorzeitig das Sexualobjekt zuführt, nach dem der infantile Sexualtrieb
zunächst kein Bedürfnis zeigt. Indes müssen wir zugestehen, daß auch das kindliche Sexualleben,
bei allem Überwiegen der Herrschaft erogener Zonen, Komponenten zeigt, für welche andere
Personen als Sexualobjekte von Anfang an in Betracht kommen. Solcher Art sind die in gewisser
Unabhängigkeit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau- und Zeigelust und der
Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen zum Genitalleben erst später eintreten, aber schon
in den Kinderjahren als zunächst von der erogenen Sexualtätigkeit gesonderte, selbständige
Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind ist vor allem schamlos und zeigt in gewissen
frühen Jahren ein unzweideutiges Vergnügen an der Entblößung seines Körpers mit besonderer
Hervorhebung der Geschlechtsteile. Das Gegenstück dieser als pervers geltenden Neigung, die
Neugierde, Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahrscheinlich erst in etwas späteren
Kinderjahren offenkundig, wenn das Hindernis des Schamgefühles bereits eine gewisse
Entwicklung erreicht hat. Unter dem Einfluß der Verführung kann die Schauperversion eine
große Bedeutung für das Sexualleben des Kindes erreichen. Doch muß ich aus meinen
Erforschungen der Kinderjahre Gesunder wie neurotisch Kranker den Schluß ziehen, daß der
Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualäußerung aufzutreten vermag. Kleine Kinder, deren
Aufmerksamkeit einmal auf die eigenen Genitalien – meist masturbatorisch – gelenkt ist, pflegen
den weiteren Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und lebhaftes Interesse für die
Genitalien ihrer Gespielen zu entwickeln. Da sich die Gelegenheit, solche Neugierde zu
befriedigen, meist nur bei der Befriedigung der beiden exkrementellen Bedürfnisse ergibt,
werden solche Kinder zu voyeurs, eifrigen Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung anderer.
Nach eingetretener Verdrängung dieser Neigungen bleibt die Neugierde, fremde Genitalien (des
eigenen oder des anderen Geschlechtes) zu sehen, als quälender Drang bestehen, der bei manchen
neurotischen Fällen dann die stärkste Triebkraft für die Symptombildung abgibt.
In noch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an erogene Zonen gebundenen
Sexualbetätigung entwickelt sich beim Kinde die Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes.
Grausamkeit liegt dem kindlichen Charakter überhaupt nahe, da das Hemmnis, welches den
Bemächtigungstrieb vor dem Schmerz des anderen haltmachen läßt, die Fähigkeit zum Mitleiden,
sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die gründliche psychologische Analyse dieses Triebes ist
bekanntlich noch nicht geglückt; wir dürfen annehmen, daß die grausame Regung vom
Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben auftritt, da die Genitalien noch
nicht ihre spätere Rolle aufgenommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase des Sexuallebens,
die wir später als prägenitale Organisation beschreiben werden. Kinder, die sich durch besondere
Grausamkeit gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken gewöhnlich mit Recht den
Verdacht auf intensive und vorzeitige Sexualbetätigung von erogenen Zonen her, und bei
gleichzeitiger Frühreife aller sexuellen Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die
primäre zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit sich, daß diese in der
Kindheit erfolgte Verknüpfung der grausamen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben
als unlösbar erweise.
Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit (des Masochismus) ist die
schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut allen Erziehern seit dem Selbstbekenntnis Jean Jacques
Rousseaus bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die Forderung abgeleitet, daß die körperliche
Züchtigung, die zumeist diese Körperpartie trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben habe, bei
denen durch die späteren Anforderungen der Kulturerziehung die Libido auf die kollateralen
Wege gedrängt werden mag[55].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin