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Die infantile Sexualforschung
Der Wißtrieb. Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Blüte erreicht, vom
dritten bis zum fünften Jahr, stellen sich bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein, die man
dem Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der Wißtrieb kann weder zu den elementaren
Triebkomponenten gerechnet noch ausschließlich der Sexualität untergeordnet werden. Sein Tun
entspricht einerseits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, anderseits arbeitet er mit der
Energie der Schaulust. Seine Beziehungen zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame,
denn wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der Kinder unvermutet früh
und in unerwartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen angezogen, ja vielleicht erst
durch sie geweckt wird.
Das Rätsel der Sphinx. Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die das Werk
der Forschertätigkeit beim Kinde in Gang bringen. Die Bedrohung seiner Existenzbedingungen
durch die erfahrene oder vermutete Ankunft eines neuen Kindes, die Furcht vor dem mit diesem
Ereignis verbundenen Verlust an Fürsorge und Liebe machen das Kind nachdenklich und
scharfsinnig. Das erste Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend dieser
Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechtsunterschiedes, sondern das Rätsel:
Woher kommen die Kinder? In einer Entstellung, die man leicht rückgängig machen kann, ist
dies auch das Rätsel, welches die thebaische Sphinx aufzugeben hat. Die Tatsache der beiden
Geschlechter nimmt das Kind vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es ist dem
männlichen Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie das seinige bei allen Personen, die es
kennt, vorauszusetzen, und unmöglich, den Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung dieser
anderen zu vereinen.
Kastrations-komplex und Penisneid. Diese Überzeugung wird vom Knaben energisch
festgehalten, gegen die sich bald ergebenden Widersprüche der Beobachtung hartnäckig
verteidigt und erst nach schweren inneren Kämpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben. Die
Ersatzbildungen dieses verlorengegangenen Penis des Weibes spielen in der Gestaltung
mannigfacher Perversionen eine große Rolle[56].
Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen Menschen ist die erste der
merkwürdigen und folgenschweren infantilen Sexualtheorien. Es nützt dem Kinde wenig, wenn
die biologische Wissenschaft seinem Vorurteile recht geben und die weibliche Klitoris als einen
richtigen Penisersatz anerkennen muß. Das kleine Mädchen verfällt nicht in ähnliche
Abweisungen, wenn es das anders gestaltete Genitale des Knaben erblickt. Es ist sofort bereit, es
anzuerkennen, und es unterliegt dem Penisneide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch,
auch ein Bub zu sein, gipfelt.
Geburtstheorien. Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie sich in der
Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben, woher die Kinder kommen. Die anatomischen
Lösungen lauteten damals ganz verschiedenartig; sie kommen aus der Brust oder werden aus dem
Leib geschnitten, oder der Nabel öffnet sich, um sie durchzulassen[57]. An die entsprechende
Forschung der frühen Kinderjahre erinnert man sich nur selten außerhalb der Analyse; sie ist
längst der Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse waren durchaus einheitliche. Man
bekommt die Kinder, indem man etwas Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und sie werden durch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin